Wien - Frau Bürgermeister ist nervös. Das Zimmer in dem Abbruchhaus, in das sie sich mit ihrem Liebhaber von einem faden Empfang weg- und zu einer schnellen Nummer hingestohlen hat, ist ihr zu einsichtig. Der Herr Bürgermeister befindet sich gerade im Wahlkampf, ein Skandal ist unmöglich. Schon deshalb, weil sie es mit dem Chefredakteur Peciwal treibt, dem politischen Feind ihres Mannes. Statt Liebe gibt es Zank. Als deftige Sex-and-Glamour-Komödie aus den höchsten Machtkreisen einer großen Stadt (Wien?) beginnt Waikiki-Beach. von Marlene Streeruwitz, das Stück mit dem irreführenden Titel (es spielt nicht in Honolulu), das von Michael Kreihsl am Volkstheater inszeniert wird. Das Stück bedeutet mehr als nur eine mit drastischem Sprachwitz aufgeladene Seitensprungklamotte vom schmutzigen Boulevard der Macht. Es kippt permanent in ein (Alb-)Traumspiel, in die Parodie, in die Farce. Die Ebenen wirbeln durcheinander in dem verwegenen, für die Autorin charakteristischen Formenmix, mit dem die Regisseure ihre liebe Not haben. Deshalb machte das Theater nach der Streeruwitz-Hausse anfangs der 90er auch Pause von der eigenwilligen Dramatikerin, die derweil als Romanautorin reüssiert. Nun wagt man am Volkstheater einen neuen Anlauf: Michael Kreihsl, im Volkstheater nach seinen Erfolgen mit Marbers Hautnah (1998) sowie der Jonke-Uraufführung Insektarium (1999) wieder einmal auf Regie-Urlaub vom Film, hat für sich das Rezept gefunden, wie man den Theaterclips der Streeruwitz beikommt, wenn eine verlorene Sandlerin das Gebet der Tosca singt oder Frau Bürgermeister und Peciwal ihr Affärenende mit Shakespeare-Versen aus Antonius und Cleoptra zelebrieren. Man muss dieses clever ironische, im Prinzip theatersprengende Spiel der Streeruwitz mit den etablierten Dramenmustern "mit unbedingtem Ernst" bedienen, meint der Regisseur, "als Spiel mit den Sehnsüchten auch des Zuschauers, denn wenn man sich selber darüber lustig macht, ist es schon vorbei. Das Umsteigen in eine andere Spielform muss immer aus einer existenziellen Not und Wahrhaftigkeit entstehen." Die barocke Lust der Streeruwitz am Spiel mit Zitaten und Mustern, wobei sie die ganze abendländische Kulturgeschichte schamlos als Materialfundus benützt, funktioniert auf der Basis einer zersplitterteten Sprache. Das Markenzeichen ist der Punkt, der den Fluss der Sätze unterbricht. "Der vollständige Satz ist eine Lüge", sagt Marlene Streeruwitz; der einzig adäquate Ausdruck für die Identitätsruinen dieser Welt sei das "Stakkato des Gestammels". Der Regisseur hält sich da an einen Satz, den Elfriede Jelinek einmal gesagt hat: Diese Punkte seien Leuchttürme für die Schauspieler: "Darüber hinaus ist es eine Sprache", so Kreihsl, "die in ihrer Fragmentarik schonungslos zeigt, wie schablonenhaft und klischiert wir Sprache benützen, um zu kaschieren, was da mit der ganzen Existenz schief läuft. Sprache als Mimesis einer unbewältigten Katastrophe namens Leben.". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11. 2. 2001)