STANDARD: Herr Sektionschef, Sie sind im BM für Bildung, Wissenschaft und Kultur für "Wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten im Bereich Wissenschaft" zuständig. Wie ist es um die Verbreitung entsprechender Information in Österreich bestellt, verglichen mit anderen europäischen Ländern?Kneucker: Der EU-Forschungsraum hat das Thema, nach einer französischen Initiative, ins Zentrum gestellt. Die Hauptfrage lautet: Wie ist die Interaktion mit der Bevölkerung? Nicht die Weitergabe von Informationen zählt - diese Flut hilft nicht, trägt eher zu noch größerer Beunruhigung bei. Ich denke eher an die Möglichkeit von Dialogen, etwa mit Schülern und Lehrern, getrennt und gemeinsam. Wir haben etwa den Nobelpreisträger Sydney Brenner, Biochemiker aus Cambridge, nach Wien gebracht. Er sprach ohne irgendein didaktisches Hilfsmittel auf Englisch vor 200 Schülern einen Vormittag lang. Sie haben ihn nicht losgelassen, haben die besten Fragen gestellt. Er sagte nachher, dass er über die aktive Teilnahme ganz erstaunt gewesen sei. So etwas geht natürlich nicht mit jedem, aber wir möchten es in ganz Österreich anbieten. Ein anderes Instrument ist die Galerie der Forschung an der Akademie der Wissenschaften. Hier geht es darum, wie man nicht spezifisch vorbereiteten Menschen die Leistung von Wissenschaftern vermitteln kann. Es wurden 15 Köpfe wie Lise Meitner, Ludwig Boltzmann etc. ausgesucht und ihre Arbeit vermittelt. Schumpeter ist ein gutes Beispiel: Er war ein erfolgloser Finanzminister, ein mittelmäßig erfolgreicher Professor in Harvard, und seine Bücher sind Weltbestseller und Klassiker geworden: Wie bringt man so eine Geschichte in wenigen Sätzen ins richtige Lot? STANDARD: Wissenschaft als Thema tritt im Allgemeinen medial gegen viele andere, populäre Themen wie Sport und Unterhaltung an und hat es dabei offenbar nicht leicht. Wie kann man als Vermittler dafür sorgen, dass diese Stimme besser gehört wird? Kneucker: Wir haben kein Rezept. Auf der EU-Ebene ist klar geworden, dass die Politiker da eine Aufgabe haben, nicht nur die Medien. Wo öffentliche Mittel einfließen, muss es zu einem politischen Diskurs kommen, und das ist bisher nicht geschehen. Es beginnt jetzt, dass zwischen Politikern, Parteien, Sozialpartnern, Banken, Industriellen und Wissenschaftern diskutiert wird, wie es mit der Wissenschaft weitergehen soll. Die Industrie war bisher eher zurückhaltend, hat sich eher für Technologie stark gemacht und erkennt jetzt, dass wissenschaftliche Grundlagenforschung eine so direkte Relevanz für die industrielle Entwicklung hat, dass sie nun sogar mehr Engagement fordert. In der Medienberichterstattung sehe ich auch einen Wandel. Nicht nur eine quantitative Zunahme, auch eine Fülle von inhaltlichen Auseinandersetzungen. Auf der politischen, der Ministerratsebene wiederum wurde beschlossen, unter anderem an PUST, dem Public Understanding of Science and Technology, zu arbeiten. Das war nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern die Ministerien wurden verpflichtet, über Fortschritte auf diesem Gebiet zu berichten. Ende März werden wir dem Ministerrat über PUST-Aktivitäten vortragen - mehr kann ich jetzt noch nicht sagen. Noch ein Beispiel für unsere Versuche, Verständnis durch Dialog zu fördern: In unserem Haus wird die interdisziplinäre Kulturlandschaftsforschung unterstützt, die von der Regionalpolitik bis zu naturwissenschaftlichen Spezialdisziplinen viel Forschungskapazität integriert. Da ist etwas gelungen, was wir für andere Bereiche auch anstreben: dass eine große Zahl von Nutzern von Anfang an einbezogen wird. Wir haben ein großes Netzwerk an Institutionen und non-gouvernementalen Einrichtungen geknüpft, die dauern informiert werden und mitreden können. Das gilt auch bei den Schwerpunkten Fremdenfeindlichkeit und Gender Studies, wo wir versuchen, die Ergebnisse sofort zu publizieren und Workshops für allgemein Interessierte einzurichten. Das gelingt in zunehmendem Maß - ein bis zwei Prozent des Forschungsbudgets in unserem Haus werden für solche begleitenden Aktivitäten zur Verfügung gestellt. STANDARD: Durch die digitale Revolution nimmt die Informationsflut noch enorm zu. Sehen Sie für Ihre Belange eher mehr Chancen oder mehr Probleme? Kneucker: Ich sehe eher Chancen, weil ich feststelle, dass vor allem die junge Generation zu diesem Medium greift. Wir müssen es daher bedienen. Ich glaube, es wird längerfristig so sein wie mit Kino und Fernsehen: Es werden beide überleben. Man muss sich im Klaren sein, dass die Qualität der Information im Netz eine entscheidende Rolle spielt. Wir haben auf einer Homepage das AEIOU angeboten, eine Art Kultur-Enzyklopädie über Österreich, die täglich weltweit mehrere Tausend Mal besucht wird. Und wir wissen, dass die Information, die wir vom Ministerium aus verbreiten (Veranstaltungen, News etc.), fast nur über die Homepage effektiv angebracht wird. Da hat sich in der medialen Landschaft einiges radikal verschoben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 2. 2001).