Warschau/Krakau - Der "Big Brother"-Effekt gehört in Polen immer öfter zum Alltag. Denn ein mehr oder weniger unsichtbares Kameraauge ist in vielen Städten stummer Zeuge des täglichen Lebens - auf Straßen und Plätzen ebenso wie in Studentenwohnheimen, Hörsälen und Schulkorridoren. Der öffentliche Aufschrei zum Schutz der Privatsphäre blieb bisher aus - die meisten Polen haben mehr Angst vor Kriminalität als Furcht vor dem Verlust der Privatsphäre. Bis Ende April wird im südpolnischen Krakau (Krakow) das nächste Überwachungsnetz ausgeworfen - 31 Videokameras nehmen das Miasteczko Akademickie, das Studentenviertel mit seinen etwa 10.000 Bewohnern ins Visier. Der Hochschule für Bergbau und Hüttenwesen ist die Sicherheit von Hochschuleigentum und Studenten 600.000 Zloty (rund zwei Millionen Schiling) wert. Diebstähle, Raubüberfälle und Vandalismus haben die Hochschulleitung aufgeschreckt. "Es geht nicht um die Überwachung der Studenten, sondern um größere Sicherheit", betonte der stellvertretende Rektor Bronislaw Barchanski. Auch in immer mehr Schulen Mit dem Überwachungssystem folgt die Bergbauakademie nicht nur dem Beispiel anderer Hochschulen in der renommierten Universitätsstadt. Auch mehrere Schulen haben sich bereits, zum Teil auf Wunsch der Eltern, zur Installation von Kameras entschlossen. Drogenhandel und Schutzgelderpressung sollen so vom Schulgelände vertrieben werden, auf dem ohnehin oft private Sicherheitsdienste patrouillieren. Mariusz Graniczka, Direktor eines Gymnasiums im Krakauer Zentrum, hat die Entscheidung für das 16.000 Zloty teure Kamerasystem bisher nicht bereut. "Keine zerschlagenen Scheiben mehr", zog er in der Zeitung "Gazeta Wyborcza" zufrieden Bilanz. "Und die Schüler betragen sich besser, weil sie wissen, dass sie beobachtet werden." Bei den Schülern regte sich kein Widerstand. "Ich fühle mich dadurch nicht kontrolliert", sagt die 17 Jahre alte Kasia. "Schließlich erpresse ich kein Geld, stehle nicht und handle nicht mit Drogen. Ein Kamerasystem sollte zur Grundausstattung jeder Schule gehören." Die 14 Jahre alte Magda stört vor allem, dass sie sich auf dem Schulgelände nun beim Knutschen mit ihrem Freund beobachtet fühlt. Der Krakauer Technikstudent Zbigniew betrachtet die Aussicht auf Überwachungskameras in Studentenviertel skeptisch. "Man fühlt sich dann ein bisschen wie eine Marionette", meint er. Seinem Freund Kamil ist das egal. "Hauptsache, es ist sicherer", sagt er - eine Ansicht, die viele seiner Landsleute teilen. Immobilienmakler in Warschau und anderen polnischen Großstädten werben beim Verkauf von Luxus-Apartments stets mit dem Zauberwort "monitoring" und dem Hinweis auf private Sicherheitsdienste. Ob Touristenmetropolen oder Kleinstädte - überall wurde die abschreckende Wirkung auf Langfinger, Schmuggler und Autodiebe bestätigt. Im zentralpolnischen Radom ging die Kriminalität an bisher neuralgischen Punkten sogar um die Hälfte zurück. Videobänder konnten bei der Überführung von Straftätern helfen. Allerdings, so muss die Polizei zugeben, sind auch Ganoven lernfähig - sie weichen zunehmend in Gebiete aus, die noch nicht überwacht werden. (dpa)