Mit 27 Chefdesigner bei Olivetti, Formgeber vieler Maschinen und Möbel und fünf Jahre Chefredakteur von "domus". Der heute 65-jährige Mario Bellini gehört längst zur Riege italienischer Stardesigner. Michael Freund traf ihn zum Interview. Unter den Poeten ist Mario Bellini ein Funktionalist, doch den funktionalsten Objekten verleiht er eine emotionale Qualität, die zum Schwärmen verleitet: Einer der bekanntesten Entwürfe des Italieners, die Rechenmaschine Divisumma 18 von Olivetti, hatte das Innenleben, das 1972 gerade modern war - und eine Gummihaut über Gehäuse und Tasten, die dem orangen, polsterförmigen kleinen Ding eine fast laszive Körperlichkeit verlieh. Typisch Bellini, doch typisch für Bellini war auch, dass er dieses taktile Meisterwerk nicht mystifizierte, sondern bereit war, einen neuen Weg einzuschlagen, als Technik und Markt sich änderten. Das geschieht im Bereich von Büromaschinen und Unterhaltungselektronik schnell und immer schneller. Auf dem anderen Gebiet, in dem sich der Designer seit fast vier Jahrzehnten auszeichnet, dem des Möbelentwurfs, gehen die Veränderungen langsamer vor sich. Es spricht für Bellini, dass er in beiden Bereichen Bleibendes geschaffen hat. Etwa den Stuhl "cab" (1976 für Cassina). Auch diesem Objekt, einem klassisch simplen Vierbeiner, hat er eine Außenhaut verpasst - aber aus Sattelleder, das den Stuhl plötzlich schlank im Raum stehen lässt: eine semantische Referenz, zugleich eine Verführung zum Platznehmen. Bellini wurde 1935 in Mailand geboren. 1959 schloss er sein Architekturstudium ab, begann für das Kaufhaus La Rinascente zu arbeiten, gründete mit Marco Romano ein Architekturatelier, gewann den ersten von acht Compassi d'Oro (begehrte Auszeichnungen für Industriedesign) und wurde, noch nicht 28-jährig, Chef-Designberater für Olivetti. Bis in die späten 80er-Jahre schuf er einige der markantesten Produkte des Büromaschinenkonzerns. Damit und dank vieler anderer Aktivitäten wuchs sein Ruf als einer der wichtigsten italienischen Gestalter der Gegenwart: Anfang der 70er-Jahre entwarf er Fernseher und eine Stereoanlage für Brionvega, für Yamaha entwickelte er einen herausragenden Kassettenrecorder (ähnlich keilförmig übrigens wie seine späten Schreib-und Rechenmaschinen); Renault beriet er ab 1978; dazu kamen Sitzmöbel für b&b und Cassina, Deckenstrahler für Erco, Stühle für Vitra. Er gehört zum Design-Beirat der Mailänder Triennale, unterrichtet seit 1962 an verschiedenen Hochschulen (darunter 1982/83 an der Wiener Angewandten), übernahm 1986 für fünf Jahre die Leitung der Zeitschrift domus und schaffte es in den letzten 15 Jahren, auch in der Architektur wieder erfolgreich Fuß zu fassen. 1987 wurde ihm, als erstem lebenden Gestalter seit Charles und Ray Eames, eine eigene Ausstellung im Museum of Modern Art gewidmet. Ein major player im italienischen Design also, inzwischen in einem Alter, in dem viele an Rückzug denken. Nicht so Mario Bellini. Die einstige Mähne zur Linken und Rechten des schon früh gelichteten Charakterschädels ist zwar einem Kürzestschnitt gewichen; doch das ist zeitgemäß, fast ein Erkennungszeichen in der Designer-Liga. Im Übrigen beschäftigt er sich mit Bau- statt mit Pensionsplänen. Auf dem St. Moritzer Design Summit zieht er im Gespräch eine Zwischenbilanz: über Design, Auftraggeber und den Gebrauchswert der Dinge.

STANDARD: Sie sagen, es werde viel zu viel über die "Mission" von Design gesprochen und zu wenig über die Hersteller und die Benutzer. Was meinen Sie damit?

Bellini: Ich sehe da zwei merkwürdige Entwicklungen. Einerseits wird Design in einen moralistischen Zusammenhang gestellt, so, als ob wir mit unseren Entwürfen die Verantwortung dafür hätten, die Welt zu verbessern. Haben wir aber nicht. Das wäre die moralische Version einer "Mission". Überhaupt, was ist eigentlich unmoralisch? Bankrott gehen ist unmoralisch!

Andererseits gibt es diese Verselbstständigung des Begriffs. Ich habe ein Geschäft in Mailand gesehen, auf dem "cucine design" steht, und wir lesen dauernd von "Designer-Lampen" und "Designer-Stühlen": Als ob alle anderen nicht entworfen worden wären! In jedem Fall eine Überbewertung, wo es um eine normale Dienstleistung geht. Was heißt schon "Stil"? Das Wort kommt von "stylos", das ist nichts anderes als ein Stab, ein Griffel, mit dem die Griechen und Römer Striche auf den Boden oder auf Ton gezogen haben - eine simple handwerkliche Tätigkeit. STANDARD: Wo haben Sie eine adäquate Beziehung zu einem Auftraggeber erlebt? Bellini : Ich nenne Ihnen Vitra als Beispiel. Vor circa 20 Jahren rief Vitra-Chef Rolf Fehlbaum bei mir an und sagte: Wir machen zu langweilige Sachen, das wollen wir ändern, und Sie sind unser Mann. Ah, dachte ich mir, der weiß mehr über mich als ich selbst! Na ja, jedenfalls hat sich daraus eine fünf Jahre lange Entwicklungstätigkeit ergeben, und herausgekommen sind Bürostühle, die für ein dynamisches, weniger gravitätisches Sitzen da waren ( die Bellini Collection: Persona, Figura, später Onda und Summa, Anm. d. Aut. ). Sie wurden ein großer Erfolg, und das war natürlich gut für unsere Beziehung. Wobei ich sagen sollte, dass das gute Verhältnis von vornherein da war, ohne den hätte die Zusammenarbeit eh nicht funktioniert. Fehlbaum mochte den "Aeron" von Herman Miller nicht, der 1992 herauskam. Aber ich sagte ihm, der werde seine Stühle alt aussehen lassen. Trotzdem war zunächst nichts zu machen. Er und sein Chefingenieur Egon Bräuning haben den "Aeron" misstrauisch, aber immerhin genau beäugt; Bräuning hat mich fast im Geheimen um meine Meinung zu den gestalterischen Details dieses ziemlich komplizierten Stuhls gefragt. Es gab dann doch ein Briefing, schließlich einen richtigen Auftrag, und im vergangenen Herbst stellte Vitra mein Modell vor: "Ypsilon", ein besonders variabler Stuhl, gedacht für Arbeiten am Desktop und mit dem Notebook, fürs vorwärtsgebeugte oder schräge Sitzen. Und fürs Liegen - man soll ja nach den neuesten Arbeitsphilosophien sich zwischendurch ein bisschen hinlegen ... STANDARD: Und was lernen wir daraus? Bellini : Dass eine gute Zusammenarbeit um so leichter funktioniert, wenn es schon einen erfolgreichen Präzedenzfall gibt. Dann braucht man keine Präsentationen, keine Marktforschung. Eine gute Beziehung zum Verantwortlichen, and things happen. STANDARD: Zu diesem Statement aus dem Munde von Mario Bellini gibt es nicht nur Zustimmung in der Designer-Gemeinde. Bellini : Ah, die Natuzzi-Geschichte. Na gut: Es gibt erfolgreiche Unternehmer, die sich nicht um den Design-Glorienschein scheren, und der Sofa-Erzeuger Pasquale Natuzzi in der Nähe von Bari ist einer von ihnen. Er hat in Italien seit 1959 eine der größten Produktionen weltweit hochgezogen. Jedes vierte in den Vereinigten Staaten verkaufte Sofa ist ein Natuzzi-Produkt, und seit 1993 ist er an der New Yorker Börse notiert. STANDARD: Aber kaum jemand kennt seinen Namen. Bellini : Nein, und das war ihm auch die längste Zeit egal. Während die kleinen, feinen norditalienischen Produzenten klein geblieben sind, auf ihre "Designer"-Stücke pochen und über die schlechten Zeiten jammern, hat Natuzzi im Süden eine moderne Logistik installiert, und inzwischen hat er sogar eine eigene Firma fürs Gerben der Leder dazu gekauft. Der Unterschied ist: Cassina glaubt zu wissen, was gut ist. Natuzzi glaubt das nicht, aber er verkauft zehnmal, bald zwanzigmal so viel. STANDARD: Hat das nicht nicht auch mit Qualität und Preis zu tun? Bellini : Qualität weiß ich nicht - er erzeugt alle möglichen Qualitäten. Und der Preis hat natürlich mit der Menge zu tun, die er produziert. STANDARD: Sie haben ja ein ureigenes Interesse, Natuzzi zu loben. Bellini : Es stimmt, wir sind ins Gespräch gekommen, und ich entwerfe für ihn - was einen Aufschrei unter Kollegen gegeben hat. Aber es ist ein Vergnügen, für einen großen Markt zu entwerfen, sehr gut verkauft zu werden und nicht einmal Abstriche an die eigenen Vorstellungen von Gestaltung machen zu müssen. STANDARD: Nützt Natuzzi jetzt doch den Design-"Mehrwert"? Bellini : Noch nicht. Meine Entwürfe sind bisher so anonym wie alles andere. Aber er überlegt, mir eine eigene Linie zu geben. STANDARD: Haben Sie nicht schon genug zu tun? Bellini : Es geht. Ich habe seit längerer Zeit zwei Firmen. Die eine ist ein Design-Service, den ich mit meinem Sohn Claudio gemeinsam leite, fifty-fifty. Zehn Mitarbeiter, "high content", das heißt weniger Arbeit im Büro, mehr im Kopf, bei Besprechungen. Da kommen die Energien zusammen: der Designer, der Ingenieur, der Unternehmer - das ist wie eine verkürzte Darwinsche Evolution. Das wird dann fast wie ein Organismus, der seinen eigenen Gesetzen folgt, man muss den Prozess nur zum Blühen bringen. Das Wichtigste ist, viel nachzudenken und mit dem Kunden zu besprechen. Die zweite Firma ist Mario Bellini Associati oder kurz MBA (lacht). Das ist mein Architekturbüro seit 15 Jahren, als das Design drohte, überhand zu nehmen. STANDARD: Was sind typische Projekte? Bellini : Zuletzt haben wir für die Mailänder Messe eine fast 800 Meter lange, diagonale Verlängerung ins Stadtgebiet gebaut. Dann gibt es am Lago di Como eine Villa von uns für die Familie Erba-Visconti, gleich neben der Villa d'Este. Vor der Wirtschaftskrise haben wir vier Gebäude in Japan gebaut: das Tokyo Design Center, einen Club, einen Business Park und den Sitz eines Kosmetikkonzerns. In Melbourne haben wir den Wettbewerb für die National Gallery of Victoria gewonnen: Die Erweiterung der Messe in Essen wurde Ende letzten Jahres eröffnet. Und für Signor Natuzzi haben wir die Zentrale in Santeramo in Colle und seine amerikanischen Headquarters in High Point, North Carolina entworfen. Genug? STANDARD: Gibt's noch was? Bellini : Ein paar Plätze auf Shortlists, darunter für eine neue Bibliothek mit Kulturzentrum in Turin und für das geplante Museo del Novecento am Domplatz in Mailand - das wird im April entschieden. STANDARD: Viel Glück. Bellini : Das wird nicht genügen. Aber danke jedenfalls. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 2. 2001)