Vergangenen Freitag kam Norman Finkelstein - nach Auftritten in Berlin und Zürich - nach Wien, um sein Buch "Die Holocaust-Industrie" und seine Thesen über das Geschäft mit der Erinnerung an das Leiden der Juden im Nationalsozialismus zu präsentieren. Das Buch-Café "Amadeus" im Kaufhaus Steffl in der Kärntner Straße musste wegen Überfüllung polizeilich gesperrt werden, es war heiß im Raum, und das Erste, was Professor Finkelstein dem Publikum über seinen Gesprächspartner, profil-Herausgeber Christian Rainer, ausrichten ließ, war: Er bitte, auf Applaus zu verzichten. Er wusste, warum. Finkelstein ist nicht cool, er ist ein Moralist. Er spricht langsam, überdeutlich, zum Mitschreiben - und unerbittlich. Er prangert die riesigen Summen Geldes an, die die Holocaust-Industrie ins Verdienen bringen, die Erpressung von Restitutions-Zahlungen, die angeblich in falsche Kanäle fließen, und den Versuch jüdischer Organisationen, den Holocaust als Immunisierung gegen die Kritik der eigenen Korruptheit zu missbrauchen. Dies alles schände das Andenken der Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes und jener, die, wie Finkelsteins Eltern, die Vernichtungslager nur knapp überlebten. Er nennt Namen: Edgar Bronfman und Israel Singer vom Jüdischen Weltkongress, Elie Wiesel, auch Steven Spielberg und Barbra Streisand kommen dran; und last but not least Stuart Eizenstat, US-Beauftragter für die Restitutionsverhandlungen mit Österreich (Ed Fagan blieb erstaunlicher-weise, aber wahrscheinlich nicht absichtlich unerwähnt). Nächtlicher Dieb Bis Eizenstat war es die Anklage eines Amerikaners gegen amerikanische Zustände, und darauf einzugehen ist hier nicht möglich. Nun aber kam Österreich ins Spiel: Eizenstat sei wie ein nächtlicher Dieb nach Wien gekommen, um der österreichischen Regierung riesige Summen abzupressen. Ob er, Finkelstein, auch Österreich, so wie der Schweiz, raten würde, das Abkommen mit den USA zu stornieren? Finkelstein weicht aus: Eizenstat hätte in Österreich nichts verloren gehabt. Wenn er sich schon unbedingt um Schadenersatz bemühen wollte, hätte er besser daran getan, sich der weitgehend ausgerotteten amerikanischen Ureinwohner oder der Opfer des Vietnam anzunehmen. Das Unerhörte ist, dass der Moralist Finkelstein natürlich nicht den verbrecherischen Charakter von Mord, Raub und Sklaverei im Nationalsozialismus infrage stellt, wohl aber die moralische Qualität der Kompensationszahlungen hierfür. Er entzieht so nicht nur den jüdischen Personen und Organisationen, die sich um Restitution bemühen, die Unanfechtbarkeit dieser Bemühungen. Er gefährdet auch die Hoffnungen der Zahler auf die Käuflichkeit von Absolution. Nur so könne man, ist er überzeugt, dem Andenken an das Undenkbare die Würde zurückgeben. Erpressung? Sein Ziel ist das Ende des Holocaustgeschäfts. Das aber darf nicht sein, denn es ist kontraproduktiv. Kontraproduktiv zu sein ist seit Menschengedenken das Schicksal rigider Moral. Fiat iustitia pereat mundus. Moral kommt, so lehrt die Geschichte, nur selten darum herum, mit Unmoral, Doppelbödigkeit und Scheinheiligkeit bewusst oder unbewusst ein Bündnis einzugehen, um produktiv werden zu können. Ich kenne zum Beispiel niemanden, der, je nach der Fraktion, aus der er kommt, nicht offen oder hinter vorgehaltener Hand Ed Fagans Charakter infrage stellte. Aber war es nicht jener überhaupt nicht edle Ed Fagan, der mit seinen milliardenschweren Sammelklagen gegen Österreich, das bis heute von den Arisierungen und der Zwangsarbeit der Nazizeit profitiert, jenen Druck erzeugte, der bewirkte, dass, spät aber doch, wenigstens einiges von dem, was rassistisch Verfolgten und national Entrechteten an Schaden zugefügt wurde, endlich kompensiert wird? Gegen Finkelsteins Vorwurf der Erpressung ist auch einzuwenden: Von Erpressung spricht man zwar in der Regel dann, wenn einer einen anderen für den Fall, dass der nicht das tut, was jener will, bedroht. Ausgenommen ist aber die Drohung mit der Klage vor Gericht. Die Zwangsgewalt der Gerichte ist eben dazu da, Erpressung dort, wo Interessenkonflikte ohne Druck nicht lösbar sind, durch ein legitimes Verfahren zu ersetzen. Mit offenem Visier Fagan klagte zwar bei US-Gerichten, weil er in Österreich damit keine Chance gehabt hätte, aber die Zuständigkeit dieser Gerichte gründet sich auf Normen, wie sie ähnlich (Gerichtsstand des Vermögens des Beklagten) auch in Österreich in Kraft sind. Und selbst wenn auf Österreich und österreichische Unternehmen nicht nur legitimer gerichtlicher Druck ausgeübt wurde: Der Zweck heiligt zwar nicht die Mittel; doch es muss eben auch umgekehrt gelten, dass bedenkliche Mittel einen guten Zweck nicht schlecht machen. Finkelstein ist mit dem, was er The Holocaust Industry nennt, scharf ins Gericht gegangen, er hat nicht herumgeredet, angedeutet oder intrigiert, sondern die Ziele seiner Empörung mit offenem Visier angegriffen. Er hat sich mit voller Absicht dem Risiko der Falsifizierung seiner Thesen ausgesetzt. Den pauschalen Verurteilungen dieser Thesen stehen positive Stellungnahmen (er selbst zitierte in Wien vor allem Raul Hilbert) gegenüber, die ihm in vielen Punkten Recht geben. Aber: an der Geschichte des Nationalsozialismus und der Verantwortung, die uns auch 56 Jahre danach aus dieser Geschichte erwächst, hat Finkelstein nicht gerüttelt. Applaus? (DER STANDARD Print-Ausgabe, 15. 2. 2001)