München - Der EM.TV-Aufsichtsratsvorsitzende Nickolaus Becker hat den spektakulären Machtkampf bei dem krisengeschüttelten Medienkonzern EM.TV verloren. Weil er den Einstieg der KirchGruppe bei EM.TV nicht verhindern konnte, erklärte der 51-Jährige jetzt seinen Rücktritt. Die angeschlagene Firma kommt nach Einschätzung von Beobachtern deshalb aber noch lange nicht zur Ruhe. Aus London kündigte Formel 1-Chef Bernie Ecclestone bereits seine Bedenken gegen die Allianz seines Geschäftspartners EM.TV mit der KirchGruppe an. Becker ist laut Branchenkennern einer, der gerne im Hintergrund die Strippen zieht. Management-Erfahrung sammelte er unter anderem als Vorstand bei Bertelsmann/Ariola, auch bei der KirchGruppe war er kurze Zeit als Geschäftsführer tätig. Seit Anfang der neunziger Jahre arbeitet der Rechtsanwalt und Steuerberater als selbstständiger Firmenberater. Bei der EM.TV & Merchandising AG (München) war er von Beginn an als Aufsichtsratschef dabei. EM.TV-Chef Thomas Haffa kennt Becker nach eigenen Angaben bereits seit 16 Jahren. In der Krise stellte er sich dennoch gegen den Vorstandsvorsitzenden. So betonte Becker öffentlich, dass die drastische Gewinnwarnung des Konzerns im Dezember ihre Ursache "nicht in irgendwelchen Tätigkeiten des Aufsichtsrats" gehabt habe, sondern "auf der Nicht-Erreichung der vom Vorstand geplanten Ziele im EM.TV-Stammgeschäft" beruht habe. Auch die Grundsatzvereinbarung mit der KirchGruppe im Dezember will Becker selbst "nur unwesentlich mitverhandelt" haben. Er sei der Ansicht gewesen, dass nachverhandelt werden müsse. Haffa drängte dagegen auf einen endgültigen Abschluss mit Kirch, um die Zukunft des schwer angeschlagenen EM.TV-Konzerns erst einmal zu sichern. Die Einigung, die nun am Mittwoch endgültig wurde, sah einen Einstieg der KirchGruppe bei EM.TV und in die Formel 1-Vermarktung vor. Streit Der Streit gipfelte in einem Brief Haffas an Becker, in dem es hieß: "Ich muss leider feststellen, dass (...) Du eine Politik verfolgst, die ausschließlich durch gesellschaftsfremde Interessen motiviert zu sein scheint." Um "weiteren Schaden" von EM.TV abzuwenden, forderte Haffa seinen Aufsichtsratschef zum unverzüglichen Rücktritt auf. Sein Verhalten sei "in jeder Hinsicht mit den Pflichten eines Aufsichtsratsvorsitzenden unvereinbar". Zwar nahm Haffa die Rücktrittsforderung dem Vernehmen nach einen Tag später zurück, das Verhältnis blieb aber angespannt. Der Hintergrund: Obwohl Kirch und EM.TV nach der Einigung im Dezember für die Detailverhandlungen Exklusivität vereinbart hatten, machte sich Becker auf die Suche nach Alternativlösungen. So hieß es im Jänner in Medienspekulationen, eine Investmentbank wolle für 650 Mill. Dollar (332 Mill. Euro/4,6 Mrd. S) einen Teil der Formel 1-Anteile EM.TVs übernehmen. Nach seinem Rücktritt berichtete Becker zudem, man sei kurz vor einer Einigung mit einem Konsortium deutscher Großkonzerne unter Führung der WAZ-Gruppe gewesen. Erst in letzter Minute sei der Abschluss am Widerstand eines WAZ-Minderheitsgesellschafters gescheitert. Thomas Haffa sei über die Verhandlungen informiert gewesen. Ermittlungen Auch nach dem Rücktritt Beckers steht Haffa nicht als strahlender Sieger da. Zwar sei Haffa in den letzten Tagen wieder deutlich gelöster aufgetreten, berichten EM.TV-Mitarbeiter. Die Einigung mit Kirch wollte er, der zuletzt die Öffentlichkeit mied, demnach auf einer Pressekonferenz feiern. Doch noch immer gibt es staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen Haffa, die Schutzvereinigungen drohen zudem mit Schadensersatzklagen. Zudem steht auch die Allianz mit Kirch angesichts eines Vetos von Formel 1-Chef Bernie Ecclestone auf wackligen Beinen. (APA/dpa)