Noch nie in der Südsteiermark gewesen, aber immer - die Romane von Alfred Kolleritsch lesend - hingewollt: In einem Haus unmittelbar neben dem Schloss Brunnsee - "in einem Landstrich, der mein Schreiben beeinflusst, weil er dessen sinnlich anschauliche Grundlage ist" - wurde Alfred Kolleritsch am 16. 2. 1931 geboren. In einer Zwischenwelt (der Vater war Forstverwalter im Schloss) und Zwischenzeit (der in der Familie verhasste Nationalsozialismus), zwischen Macht und Ohnmacht, Literatur und Geistfeindschaft: Spannungen, in denen Alfred Kolleritsch in seinem Leben - als Lehrer, Zeitschriftenherausgeber, langjähriger Forum -Präsident, Mentor und Leser - bis heute steht, die seine politischen Stellungnahmen (in den "Marginalien" der jeweiligen manuskripte -Nummern) prägen, die ihn jung erhalten haben: Zeit für ein Gespräch über Macht, Unterwerfung und Selbstfindung im Leben - knapp vor einer Lesung aus seinem Roman Die grüne Seite (1974), eben bei Droschl neu aufgelegt. STANDARD: Die früheste Erinnerung an Sie - ein Fernsehinterview. Sie sagten damals, die Flaubert-Biografie Sartres hätte Sie so beeindruckt. Kolleritsch : Mir ist jetzt nach zwanzig Jahren haften geblieben, dass Sartre einen Flaubert-Brief zitiert, wo Flaubert schreibt, sein Vater hätte ihn als Kind der durch Rouen fahrenden Herzogin entgegengehoben. Die Herzogin sei ausgestiegen und habe den kleinen blonden Knaben geküsst. Für Flaubert blieb das immer die Erinnerung, die Höhe der Macht kurz vor ihrem Untergang noch gespürt zu haben. Nun wurde ebendiese Herzogin, als sie fliehen musste, die Begründerin des Adelsgeschlechts in der Südsteiermark. Sie starb erst 1872, und mein Großvater war noch Gärtner bei ihr. STANDARD: Nun ist das Verhältnis von alter zu neuer Macht auch ein Hauptthema Ihres Romanwerks. Das Schloss als Bild der Macht ist ja auch ein Hauptmotiv österreichischer Literatur, von Gerhard Fritsch bis Bernhard. Kolleritsch : Im Pfirsichtöter habe ich das Schloss als platonische Idee durchgespielt: dass in einer Zeit, die völlig anders war, die Bevölkerung noch adelige Vorbilder anerkennt. Das sind Zellen, die Kraft zu überdauern hatten, auch in Brunnsee. Nun war Platonismus aber das, was wir im Grazer Freundeskreis bekämpften, wir nannten uns die "Nominalistenhorde". STANDARD: Der Kampf gegen überkommene Bilder ist ja die Initiationsszene von Die grüne Seite , als der wohl autobiografische Gottfried fotografiert und vom Vater dann ins Herrschaftssystem eingeführt wird. Kolleritsch : Autobiografisch ja, im Sinne von Jean Paul: Selbsterlebens-Beschreibung. STANDARD: Dieses "Ich" - Ihr Aufwachsen in Gesellschaft zwischen Vorkriegs-, Kriegs-und Nachkriegszeit - hat im Buch einen wunderbaren Großvater. Kolleritsch : Dieser Großvater war Oberlehrer, sehr anarchisch, hatte eine große Bibliothek. Er schrieb Schriften gegen den Alkohol, war ihm aber selbst verfallen. Im Buch sind es Figuren, die sich verwirklichen könnten, aber scheitern. Mich haben diese in der Provinz verbliebenen Figuren auch im Leben immer interessiert, ihr dialektisches Verhältnis von Einsamkeit und Dasein als Mit-Sein im Heideggerschen Sinne. STANDARD: Auch Sie selbst erscheinen, in Ihrer Verbindung von Individualität und Freundschaften, als ein Einzelner in Gesellschaft. Kolleritsch : Ich will nichts ideologisch festmachen, auch keinen Kult des Einzelnen. Ich glaube an verschiedene Möglichkeiten von Verwirklichung, in der Literatur, auch im Leben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 2. 2001)