Salzburg - Wer ein 90-Minuten-Solo mit flotter Lippe und unbeirrbarem Entertainergehabe abzukurbeln imstande ist, kann eigentlich nicht wirklich verrückt sein. Der unter merkwürdigen Umständen von Kärntens Landeshauptmann ins Kulturamt gerufene und an die frische Luft gesetzte Walter Maria Stojan hat bei seiner "zwangskabarettistischen" Abrechnung Mein Haider und ich am Mittwoch im Salzburger Toi-Haus zumindest bewiesen, dass er so schwachsinnig nicht sein kann, wie ihm etwa die Kärntner Psychiatrie nachzuweisen bemüht war. Der ehemalige Sekretär Alois Mocks lieferte die klinisch interessante, genau kalkulierte Selbstentblößung eines Mannes, der offensichtlich von einem anderen Mann auf kryptische Weise fasziniert und verwundet worden war. Was immer Stojan bei seinem Slalom zwischen supercooler Distanziertheit und schäumendem Selbstmitleid sagte und sang: Alles kündete von einer inzwischen eiternden Wunde, die folgenreiche politische "Vieraugengespräche" geschlagen haben. Das Uninteressanteste an Stojans Bühnen-Masturbation in Smoking- und Trachtenoutfit war das literarisch-filmische Stopfmaterial aus Faust , Bibel, Apokalypse und Chaplins Diktator - musikalisch geschmiert von Genesis und anderem Pop-Altöl. Das Erregende an diesem Abend der theatralischen Heimsuchung war die Rücksichtslosigkeit, mit der sich ein tragischer Selbstdarsteller als clownesker Schmerzensmann kultivierte und Reaktionen aus einem zunehmend genervten Publikum parierte. Geradezu genussvoll nahm Stojan Schmähungen wie "Der Haider hatte schon Recht" entgegen. Die offenbar grenzenlose Demütigung eines Exzentrikers kennt beim Selbstheilversuch keine Schranken der Anmaßung. Wer mich und meine Krampf-Kunst nicht akzeptiert, ist gegen mich und gehört verdammt. Dazu hat sich Stojan in messianischer Attitüde verstiegen - nicht aus spontanem Irrsinn, sondern mit exakter Methode. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 2. 2001)