Belgrad - "Serbien wird kein Staat der Kriminalität sein", versprach der serbische Regierungschef Zoran Djindjic. Nur wenige Stunden später wurde sein Vize und Innenminister Dusan Mihajlovic in der Nacht zum Freitag Ziel eines Anschlags in der Belgrader Innenstadt. Unbekannte verfolgten und beschossen den Wagen des Ministers. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Der jugoslawische Innenminister Goran Zivkovic bezeichnete den Anschlag als "Warnbotschaft" der Mafia. Die neue demokratische Regierung werde aber solche Warnungen ignorieren und den Kampf gegen die Mafia, die mit dem früheren Milosevic-Regime verbunden sei, fortsetzen. Nur zwei Stunden vor dem Anschlag auf den Innenminister waren in der Nähe ein lokaler Belgrader "Benzin-König" und sein Begleiter in ihrer Luxuskarosse mit Kalaschnikows erschossen worden. "Wir leben in einem Halb-Mafia Staat" Der Anschlag auf Mihajlovic war schon der dritte Angriff auf einen ranghohen Vertreter der neuen demokratischen DOS-Regierung seit ihrer Bildung Ende Jänner. Die 18-Parteien-Koalition DOS hat der Organisierten Kriminalität und der mit dem alten Milosevic-Regime eng verbundenen jugoslawischen Mafia einen entschlossenen Kampf angesagt. "Wir leben in einem Halb-Mafia Staat", sagte dazu kürzlich der jugoslawische Außenminister Goran Svilanovic. "In Serbien tobt ein Kampf auf Leben und Tod zwischen der Milosevic-Mafia und der neuen Regierung. Djindjic ist eines der Hauptziele", warnt Dobrivoje Radovanovic, Chef des Kriminologischen Instituts in Belgrad. Und das wundert nicht, denn Djindjic bezifferte öffentlich den Umsatz der illegalen Geschäfte in Serbien mit bis zu umgerechnet 28,1 Milliarden Schilling jährlich. Dieses Geld will seine Regierung aus den privaten Geldbeuteln jetzt in die Staatskasse bringen. Forderung nach Aufklärung der Verbrechen Ziel eines "Warn-Anschlags" war neben Mihajlovic auch der neue Geheimdienstchef Goran Petrovic, auf dessen Fahrer geschossen wurde, während er auf seinen Chef auf einem gut bewachten Parkplatz wartete. Petrovic sprach zu diesem Zeitpunkt mit Djindjic und Mihajlovic über die Bildung einer Sondereinsatzgruppe zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität. Und in der vergangenen Woche explodierte aus "ungeklärten Gründen" auch das geparkte Geländefahrzeug des DOS-Fraktionschefs im serbischen Parlament, Cedomir Jovanovic. Im vergangenen Jahrzehnt unter der Milosevic-Regierung führten die Balkan-Kriege und die gegen Jugoslawien verhängten internationalen Sanktionen zu einem "Aufblühen" der Organisierten Kriminalität. In diesem Zeitraum wurden in Serbien einige Dutzend spektakuläre Morde verübt, deren Opfer ranghohe Politiker (darunter der jugoslawische Verteidigungsminister und Serbiens Polizeichef), einflussreiche Geschäftsleute und führende Figuren der Unterwelt waren. Die Täter wurden nie gefasst. "In Serben gibt es Todesschwadronen", schrieb das Nachrichtenmagazin "Vreme" und verlangte endlich die Aufklärung aller dieser Verbrechen. Alle zusammen gegen die DOS-Regierung Der Milosevic-Staat habe selbst oder durch mit dem Regime eng verbundene Bosse der Unterwelt diese Kriminalität - Schmuggel von Benzin, Zigaretten, Waffen, Drogen oder auch Menschen - begünstigt und nicht bekämpft, sagt Marko Nicovic, ehemaliger Polizeichef von Belgrad. Deswegen sei es schwer zwischen echten Gangstern, der Organisierten Mafia und Vertretern des gestürzten Milosevic-Regimes zu unterscheiden, schreibt das Belgrader Nachrichtenmagazin NIN und nennt Serbien einen "Mafia-Staat". Nun kämpfen alle zusammen gegen die DOS-Regierung. (dpa)