Washington/Zürich - "Die Regulierung von Genpflanzen in den USA geht davon aus, dass eine Pflanze für die Umwelt sicher ist, solange sie nichts anderes zeigt", kritisiert Michelle Marvier (University of Santa Clara), "man könnte auch umgekehrt davon ausgehen, dass sie bis zum Beweis des Gegenteils unsicher ist." Diese aus Europa vertraute Mahnung schwappt immer stärker in die USA und hat nun den American Scientist erfasst, das Organ einer Forschervereinigung mit 100.000 Mitgliedern. Ihnen rechnet Marvier vor, wie ökologische Sicherheitsforschung - betrieben von der Industrie, die ihre Daten zur Genehmigung der Produkte einreicht - derzeit vor sich gehen kann. Da hat etwa die Firma Calgene eine Baumwolle mit eingebautem Insektizid - wie bei allen derartigen Pflanzen Bt von Bacillus thurengiensis - auf unerwünschte Auswirkungen ("non-target-effects") auf das Bodenleben analysiert. Dazu hat man acht Behälter voll Erde mit je zehn Regenwürmern versetzt und in vier davon Baumwollblätter der Bt-Pflanze gemischt. Die anderen vier erhielten normale Baumwollblätter. Statistische Signifikanz Nach 14 Tagen hat man die Regenwürmer herausgeholt, gezählt - einer war verstorben - und gewogen. Die in der Bt-Erde waren im Durchschnitt 29,5 Prozent leichter, aber, Wunder der Statistik: Diese Abweichung ist der geringen Probengröße wegen "statistisch nicht signifikant". Hätte man die Zahl der Versuche nur verdoppelt, wäre die Abweichung signifikant. "Die zum Test verwendete Methode zielt darauf, keine Effekte zu finden, auch wenn sie da sind", urteilt die Forscherin und weist darauf hin, dass die zuständige Umweltbehörde EPA sich schon 1999 von ihrem Fachbeirat hat raten lassen, sie müsse "einen akzeptablen Level statistischer Aussagefähigkeit vorschreiben". Ihn gibt es bis heute nicht. Marvier fordert ihn aber um so dringlicher, als kleine Tests an Universitäten zunehmend zweierlei zeigen: "Die Effekte transgener Pflanzen sind nicht so lokal oder temporär wie bisher gedacht, und die Effekte können durch die Nahrungskette wandern." Realitätsnähe Dass und wie sie durch die Nahrungskette wandern können, hat in einem der höchst raren größeren Tests Angelika Hilbeck (ETH Zürich) analysiert: Sie hat Nützlinge (Florfliegen) mit Raupen von Schädlingen gefüttert, die ihrerseits mit Bt-Pflanzen gefüttert worden waren. Und sie hat Florfliegen mit synthetischem Bt gefüttert. Bei Letzteren war die Sterblichkeit viel geringer (30 Prozent) als bei Ersteren (75 Prozent). In ihren eigenen Tests verwendet die Industrie aber für gewöhnlich synthetisches Bt. "Man sollte unter realistischen Bedingungen testen", schließt Hilbeck, "bevor man die ganze Landwirtschaft auf Bt-Pflanzen umstellt." Aber Realitätsnähe braucht auch Zeit, viel Zeit. Um das zweite Problem von Genpflanzen zu erkunden - das Auswildern und Überwuchern ("invasiveness") -, hat Marvier ein analoges Phänomen analysiert: die "Bioinvasion" eingeschleppter Pflanzen. "Sie kann vom Einschleppen bis zum Überhandnehmen lange dauern - im Extrem über hundert Jahre -, man müsste die Genpflanzen 30 Jahre lang oder länger überwachen." (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 2. 2001).