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Foto: Reuters/Milutinovic
Der serbische Innenminister Dusan Mihajlovic weiß, dass sein Leben bedroht ist. Deshalb fuhr auch am Freitag um ein Uhr früh ein Mercedes mit seinen Leibwächtern vor dem großen Audi, in dem er selbst saß. Vor der tschechischen Botschaft in der König-Alexander-Straße im Zentrum Belgrads rasten plötzlich ein Mercedes und ein BMW aus Seitengassen und blockierten die Fahrbahn. Mihajlovics Fahrer konnte gerade noch ausweichen. Die Attentäter eröffneten das Feuer. Die Leibwächter des Ministers schossen zurück. Das Feuergefecht dauerte mindestens eine Minute, ehe die Attentäter flüchteten. Durch Zufall wurde niemand verletzt. Fünf Festnahmen Die mutmaßlichen Täter - fünf Personen - wurden nur wenige Stunden nach dem Anschlag gefasst. Gemäß Mihajlovic handelt es sich um Personen mit "sehr engen Kontakten" zum serbischen Innenministerium, die der Polizei schon länger bekannt seien. Für den Innenminister zeugt der Überfall davon, dass die Spitzen der organisierten Kriminalität weiterhin enge Kontakte mit der Polizei und führenden Vertretern des früheren Regimes unterhalten. Mihajlovic schloss jedoch nicht aus, dass er "rein zufällig" in eine Gangsterabrechnung geraten sei. "Wir haben mit solchen Anschlägen gerechnet. Die Einführung des Rechtsstaates nach einem Jahrzehnt der Gesetzlosigkeit ist vielen ein Dorn im Auge", erklärte Bundesinnenminister Zoran Zivkovic zum Überfall auf seinen serbischen Amtskollegen. Unter Slobodan Milosevic habe man den Staat, die Polizei und das organisierte Verbrechen nicht voneinander trennen können. Die Spitzenleute des früheren Regimes würden sich nun mit allen Mitteln wehren. Zivkovic versicherte, dass sich die neuen, demokratischen Behörden Serbiens nicht einschüchtern lassen würden. Und an Einschüchterungsversuchen mangelt es nicht. Erst neulich wurde auf den Fahrer des serbischen Geheimdienstchefs geschossen, vor der Villa in der Belgrader City, in der sich dieser gerade mit Serbiens Regierungschef Zoran Djindjic unterhielt. Einer der engsten Mitarbeiter des Premiers entging knapp einem Anschlag: Er war nicht in seinem Jeep, als unter dem Wagen eine Bombe detonierte. Der ehemalige serbische Polizeichef beging unter mysteriösen Umständen Selbstmord. Die Leiche eines Untersuchungsrichters wurde in der Donau gefunden . . . Mordwelle befürchtet "Die Herrschaft von Milosevic war auf organisiertem Verbrechen aufgebaut", sagt ein pensionierter Belgrader Polizist. Diesen Zustand könne man nicht über Nacht ändern. Diese Leute hätten nun sehr viel Geld, dementsprechend immer noch Macht und nicht die geringste Lust, in Serbien inhaftiert oder dem Haager Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert zu werden. In Serbien sei eine Mordwelle zu befürchten. Nur wenige Stunden vor dem Anschlag auf den serbischen Innenminister und kaum einen Kilometer vom Ort des Überfalls entfernt, war es im Belgrader Botschaftsviertel, der Kneza-Milosa-Straße, zu einem ähnlichen Feuerüberfall gekommen. Der Geschäftsmann Milutin Scepanovic und sein Leibwächter wurden in ihrem Mercedes 600 von mehr als dreißig Projektilen getroffen und waren auf der Stelle tot. (Von STANDARD-Korrespondent Andrej Ivanji aus Belgrad, DER STANDARD Print-Ausgabe, 17./18.2.2001)