Aus Rücksicht auf die luxemburgische Regierung - der Hauptaktionärin von Arbed - wurde das Wort Übernahme auf der Pressekonferenz in Brüssel tunlichst vermieden. Doch mit einem Anteil von voraussichtlich 56,5 Prozent wird die französische Usinor bei dem Stahlriesen mit dem Arbeitsnamen "NewCo" das Szepter führen. Arbed kommt auf 23,4 Prozent, die spanische Aceralia auf gut 20 Prozent Anteil. Die Vereinigung erfolgt durch Aktientausch. Als größte Hürde gilt die Zustimmung der EU-Wettbewerbsbehörde. Experten räumen dem ab Herbst aktiven Stahltrio mit Sitz in Luxemburg mehr Chancen ein als der gescheiterten Aluminiumfusion von Pechiney, Alcan und Algroup; hingegen rechnen sie damit, dass Brüssel den Verkauf einiger Randaktivitäten verlangt.Das neue Unternehmen mit der Firmensprache Französisch vereinigt 110.000 Mitarbeiter, die nach heutigem Stand einen Umsatz von rund 30 Mrd. Euro erwirtschaften. Mit einer Jahresproduktion von 46 Mio. Tonnen Rohstahl setzt sich der europäische Konzern klar vor die zwei bisherigen Marktleader, die koreanische Posco (27 Mio. Tonnen 1999) und Nippon Steel (24 Mio. Tonnen). Die Fusion soll laut Firmenangaben Synergien von 700 Mio. Euro bis 2006 ermöglichen. Die Gewerkschaften befürchten Schlimmes, da selbst der neue Konzernchef Francis Mer Fabrikschliessungen und einen Abbau von Arbeitsplätzen in Aussicht stellt. Der 62-jährige Usinor-Präsident, der Frankreichs ehemaligen Staaskonzern auf eindrucksvolle Art gerettet und saniert hat, ohne einen massiven Job-Aderlass zu bewirken, gilt zwar als Manager mit sozialer Ader. Jetzt muss Mer allerdings zunehmend auf die Aktionäre achten. Die kapitalintensive, aber wenig gewinnbringende - und damit von der Börse wenig geliebte - Stahlindustrie bewegt sich derzeit am unteren Rand des aktuellen Zyklus. Die Preise sind tief, die Überkapazitäten groß. Erste Restrukturierungen in Europa haben in den letzten Jahren bereits Fusionskonzerne wie ThyssenKrupp (Deutschland), Corus (England-Holland) oder Avesta Polarit (Skandinavien) ergeben. Das neue Usinor-Konglomerat ist noch eine Kragenweite größer und denkt klar in planetaren Dimensionen. "Wir müssen die Globalisierung unserer Kunden begleiten", predigt Mer mit Verweis auf die Autoindustrie, deren Hauptexponenten möglichst auf allen Kontinenten Fabriken eröffnen. "NewCo" ist neben Europa stark in Südamerika, verfügt Usinor & Co über genug Schlagkraft, um die angeschlagene und veraltete US-Stahlindustrie auf derem eigenen Terrain anzugreifen. Das International Iron and Steel Institute (IISI) prophezeit eine rasche Konsolidierung der wenig konzentrierten Branche, in der die zehn größten Konzerne für weniger als ein Viertel der Weltproduktion aufkommen: Der Trend zu Megafusionen werde klar zunehmen. Der österreichische Stahlhersteller VA Stahl (Jahresproduktion rund fünf Mio. Tonnen Rohstahl) sieht der Megafusion gelassen entgegen. Diese hätte für VA Stahl derzeit keine Auswirkung. Die Nischenpolitik der VA Stahl werde mit jeder größeren Blockbildung attraktiver. (S TANDARD -Korrespondent Stefan Brändle aus Paris, Der Standard, Priuntausgabe, 20.02.2001)