Wien - Am 9. Juni vergangenen Jahres ist Ernst Jandl gestorben. Dieser Tage erscheint im Suhrkamp Verlag der Band "Requiem für Ernst Jandl" von Friederike Mayröcker, Jandls Lebensgefährtin. Das Buch umfaßt insgesamt sieben Texte, darunter "'will nicht mehr weiden', Requiem für Ernst Jandl", den ersten Text, den Mayröcker nach Jandls Tod verfasst hat. "Das erste, was ich schreiben konnte, war eine Art von Verzweiflungstexten, nach dem Requiem einige nachrufartige Texte und viele Gedichte. So viele Gedichte wie im letzten Jahr habe ich überhaupt noch nie geschrieben." Das Schreiben bringe ihr einerseits eine "gewisse Erleichterung", koste sie aber andererseits viel Kraft, vor allem, weil ihr Gesundheitszustand sich sehr verschlechtert habe. "Der Einschnitt war zu gewaltig für mich. Ich habe zuerst gedacht, ich werde es nicht schaffen." Jandl habe ihr aber schon vor Jahren das Versprechen abgenommen, weiterzumachen, falls er vor ihr sterbe. "Hineingesprungen in die Vollkommenheit der Sprache" "Die Literatur war für uns beide das Zentrum unseres Lebens. Wir haben über 40 Jahre lang - jeder für sich, in getrennten Wohnungen - unsere Sachen gemacht. [...] Er hat mir immer als erstem Menschen seine neuen Gedichte gezeigt und mich strengstens aufgerufen, Kritik zu üben. Was in mir einen gewissen Zwiespalt ausgelöst hat, denn für mich ist er wahrscheinlich der Einzige in der Nachkriegszeit, der als Dichter vom Himmel gefallen ist, sofort hineingesprungen in die Vollkommenheit der Sprache. [...] Er hat auch kaum Korrekturen gemacht, er hatte allerdings immer wieder arge Schreibkrisen, und besonders in der letzten Zeit wollte er einfach nicht mehr schreiben. Er hat sich gesundheitlich so elend gefühlt, dass er die Kraft dazu nicht mehr hatte." Seit dem Tod ihres "Hand- und Herzgefährten", wie sie ihn in ihrem Requiem nennt, hat sich Mayröckers Leben verändert und auch ihre Einstellung dazu und zur Literatur. "Wir haben beide früher gedacht, das Schreiben ist das Allerwichtigste. Man wird dann eines Besseren belehrt in solchen Situationen. Andererseits hätte ich ohne das Schreiben nicht weiter leben können." Arbeiten wie eine "Gejagte" Wie zeit ihres ganzen Lebens arbeitet Friederike Mayröcker "wie ein Gejagter", wobei die Thematik ihrer Texte vorwiegend noch um den Verlust kreise. "Es war ein ganz tiefer Austausch", faßt die Dichterin ihr Leben an der Seite Ernst Jandls zusammen, "Sein Augenpaar war mir sozusagen ein Wahrheitsspiegel. " Eben erst kommt Mayröcker von einer Bielefeld-Reise zurück, wo ihr die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. "Schweigen wir davon, ich lege keinen Wert auf Titel. Aber die Universität Bielefeld hat mir einen wunderbaren Tag geschenkt, und ich war sehr aufgeregt. Aber ich habe immer gedacht, wenn der Ernst da wäre, der hätte sich wirklich gefreut." (APA)