Genf - Die Klimaerwärmung hat nach Einschätzung weltweit führender Klimaexperten verheerende Folgen für die Menschheit. Wegen des ansteigenden Meeresspiegels sind Millionen von Menschen in Küstenregionen in Gefahr, Krankheiten durch verseuchtes Trinkwasser breiten sich aus und in bereits trockenen Gegenden vor allem in Asien sind ganze Ernten bedroht. Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Betroffen sind vor allem die ärmsten Länder der Welt. Dies ist das Fazit eines Berichts über die Auswirkung der globalen Klimaerwärmung, der am Montag in Genf vorgelegt wurde. An der Prognose im Auftrag der UN hatten 900 Wissenschafter mitgewirkt. "Die meisten Menschen werden auf der Verliererseite stehen" "Die meisten Menschen werden auf der Verliererseite stehen", sagte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Jim McCarthy, in Genf. Wenn nicht mehr Geld für Trinkwasser verlangt werde, könne der sorglose Verbrauch und Verschwendung die Wasserressourcen weiter als nötig verknappen, ergänzte der Vorsitzende des wissenschaftlichen UN- Gremiums für Klimaveränderungen (IPCC), Michael Watson. In Gefahr sind Gletscher, Korallenriffe, Inselstaaten, Mangroven, Nadel- und tropische Wälder sowie alpine Ökosysteme, Feuchtgebiete und Steppen. 1,7 Milliarden Menschen leben bereits in Regionen, in denen Trinkwasser knapp ist. Diese Zahl könne in den nächsten 25 Jahren auf fünf Milliarden steigen, heißt es in dem Report. Wenn der Meeresspiegel in den nächsten 80 Jahren um 40 Zentimeter steigt, würden bis zu 200 Millionen mehr Menschen als heute von verheerenden Küstenstürmen bedroht. Sichtbare Veränderungen Der Bericht ist der zweite Teil eines umfassenden IPCC-Klimareports. Im ersten Teil dokumentierten Wissenschafter im Jänner in Shanghai erstmals, dass das Weltklima sich viel dramatischer erwärmt als bis dahin angenommen. Die Experten sprachen von einer "potenziell katastrophalen Erwärmung" von 1,4 bis 5,6 Grad in diesem Jahrhundert. Der Meeresspiegel werde zwischen elf und 88 Zentimetern steigen. Daran seien weitgehend die Menschen schuld. Viele der Veränderungen, die die Wissenschafter bei steigender Erwärmung erwarten, sind dem neuesten Bericht zufolge bereits sichtbar. Das arktische Eis ist bereits um zehn bis 15 Prozent zurück gegangen, die Eisdecke auf Flüssen und Seen schmelze zwei Wochen früher als vor 150 Jahren. In Europa blühten Gartenpflanzen 1993 im Schnitt 10,8 Tage länger als 35 Jahre zuvor. Zugvögel ziehen später im Jahr in wärmere Gefilde und kommen früher zurück. Schmetterlinge, Käfer und Libellen finden sich in immer nördlicheren Regionen. Wetterkatastrophen haben in den neunziger Jahren Schäden in Höhe von 40 Milliarden Dollar im Jahr verursacht. In den fünfziger Jahren "nur" von 3,9 Milliarden Dollar. Die Lage in Europa Lediglich in nördlichen Breitengraden könne die Klimaerwärmung vorübergehend positive Folgen haben, heißt es in dem Bericht. In Nordeuropa könnten die Ernten besser werden und die Heizkosten sinken. Auch in Europa überwiegen aber die negativen Konsequenzen: Die Hälfte der Gletscher könne schmelzen, mit bis zu 95-prozentiger Sicherheit träten mehr Flüsse öfter über die Ufer, in Südeuropa gebe es mehr Dürren und der Verlust von Feuchtgebieten bedrohe Tier- und Pflanzenarten. Die unmittelbarsten Risiken gehen dem Bericht zufolge weltweit von Überflutungen und Erdrutschen aus. Als besonders gefährdet gelten die Küstenregionen in Polen und Florida. Anpassung erforderlich "Wir müssen uns über die weit reichenden Veränderungen, die unsere Industriewirtschaft in Bewegung gesetzt hat, klar werden", sagte der Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP), der deutsche Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer. "Wir müssen dafür sorgen, dass sich bedrohte Arten und Ökosysteme an die neuen Klimabedingungen anpassen können. Regierungen sollten dies in ihren Investitionsplänen bereits berücksichtigen." "Die Folgen der Klimaveränderung sind am stärksten in Entwicklungsländern zu spüren, sowohl, was den Verlust von Leben angeht, als auch die Folgen für Investitionen und die Wirtschaft", heißt es in dem Bericht. Diese Länder hätten am wenigsten Geld, um sich auf die Veränderungen einzustellen. Die Kosten der Tatenlosigkeit In tropischen und subtropischen Regionen gehen die Ernteerträge zurück, Überschwemmungen mehren sich, in den Subtropen wird das Trinkwasser knapp, Cholera, Malaria und Dengue-Fieber breiten sich aus, mehr Menschen sterben an hitzebedingten Krankheiten. "Kein Land kann es sich erlauben, die Veränderung seiner natürlichen Umgebung und die Folgen für die Menschen zu ignorieren", sagte der Sekretär der UN-Rahmenkonvention zur Klimaänderung, Michael Zammit Cutajar. "Wir müssen uns die Kosten einer Tatenlosigkeit vor Augen halten." Der dritte Teil des IPCC-Reports, der Anfang März in Ghana veröffentlicht wird, befasst sich mit Vorschlägen zur Reduzierung der Treibhausgase und den Kosten für eine Änderung der weltweiten Energiepolitik. (APA/dpa) (APA)