Michael Möseneder

Wullowitz - Fährt man dieser Tage auf der B301 Richtung Freistadt, findet man überall Hinweise auf den Widerstand gegen Temelín. Auf Verkehrsschildern kleben Sticker, am Straßenrand sieht man Puppen im Strahlenschutzanzug, Sargattrappen und Transparente. Für diesen Montagmorgen hatten die Atomkraftgegner allerdings angekündigt, "Neue Dimensionen des Widerstandes" zu präsentieren. Genauer, einen Mann namens Ed Fagan.

Der Saal des Gasthauses "Franzosenhof", rund einen Kilometer von der Grenze entfernt, ist gefüllt mit Aktivisten, Politikern und in- und ausländischen Medienvertretern. Alle warten auf den Auftritt des amerikanischen Staranwaltes und seine Strategie, mit der er gegen Tschechien, den Temelín-Lieferanten Westinghouse und dessen Eigentümer, British Nuclear Fuel, vorgehen will.

Sie warten vergeblich. Nachdem Aktivisten aus Oberösterreich und Salzburg ihre Forderung präsentiert hatten, nämlich bisher nicht zugängliche Dokumente zu Temelín zu erhalten, folgte Fagans Auftritt. Plötzlich fühlt man sich weniger in einer Pressekonferenz als eher in einer TV-Talkshow. Fagan verspricht den Aktivisten, dass ihr Kampf erfolgreich enden wird. Fagan beschuldigt die beteiligten Manager, zu lügen oder etwas zu verbergen. Fagan wirft Prag, gewürzt mit Kraftausdrücken, vor, die Österreicher an der Nase herumzuführen.

Schließlich der Kernpunkt. Falls die geforderten Unterlagen nicht bis zum 20. März vorliegen, werden andere Maßnahmen ergriffen. Welche, will der Anwalt nicht verraten. Wie er es im Poker-Jargon ausdrückt: "Warum soll ich mir in die Hand schauen lassen?" Schadenersatzforderungen will er jedenfalls noch nicht einbringen. Die einzige Frage, die er im Raum stehen lässt: "Tschechien will doch der EU beitreten, oder nicht?"

Die Frage, ob sein kostenloses Engagement für die Atomgegner nicht doch eine PR-Maßnahme sei, kontert Fagan mit der Gegenfrage "Glauben sie wirklich, dass ich noch PR nötig habe?" Nein, er unterstütze einfach diese Menschen, die seit Jahren gegen Temelín kämpfen, damit auch er in Amerika ruhig schlafen könne.

In Tschechien reagiert man übrigens gelassen. Ein Sprecher der Atomaufsichtsbehörde SUJB erklärte, seine Behörde habe sich immer an die Gesetze gehalten und fürchte sich nicht. Der Temelín-Betreiber CEZ ließ verlauten, Fagans Erklärungen seien "seine Sache". Ob der Atommeiler seinen Testbetrieb, wie geplant, heute, Dienstag, wieder aufnimmt, hängt von der Prüfung durch SUJB ab.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 2. 2001)