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Eigentlich sollte der Sonntagabend im Zeichen einer großen Rede von Tony Blairs stehen, mit der er auf dem Frühlingsparteitag seiner Labour Party in Glasgow den Wahlkampf für die noch nicht erklärten Neuwahlen im Mai einleitete. "Radikaler" solle seine Partei in ihrer zweiten Amtszeit werden, sagte er, und er werde sich persönlich für den "rastlosen Wandel" einsetzen. Doch in Glasgow hörte niemand recht zu. Stattdessen kam der Premier sogar bei den eigenen Parteifreunden - und keineswegs nur bei Vertretern der alten Linken - wegen der Luftschläge gegen den Irak unter Beschuss. "Kontraproduktiv, böse und verwerflich" nannte der sonst eher vorsichtige Labour-Abgeordnete Tam Dalyell die Attacken, und sein Kollege John McAllion stellte die Frage, ob Blair seine Beziehungen mit dem neuen US-Präsidenten George W. Bush denn wirklich darauf aufbauen wolle, dass der die gescheiterte Politik des Bush-Vaters gegenüber Saddam Hussein wieder aufnehme. Die offizielle Irak-Politik Großbritanniens ist klar: Saddam habe neue Boden-Luft-Raketen entwickelt, erklärten Blair und sein Verteidigungsminister Geoff Hoon, und diese stellten eine Bedrohung für die Kontrollflüge der britischen und US-Luftwaffe über den Flugverbotszonen im Süd- und im Nordirak dar. In Großbritannien selbst hebt man hervor, dass Blair am kommenden Freitag als erster europäischer Regierungschef seinen Antrittsbesuch bei Präsident Bush machen wird - und dass es dabei darum geht, die britisch-amerikanischen Beziehungen auf neue Grundlagen zu stellen. Problemlos ist das Verhältnis unter der neuen US-Regierung nämlich nicht. Bushs Absicht, eine nationale Raketenabwehr aufzubauen, ist bisher nirgendwo in Europa auf große Zustimmung gestoßen; aber die Briten würden für die Stationierung amerikanischer Abwehrstellungen benötigt. Umgekehrt sind die Amerikaner über die Pläne zum Aufbau einer gemeinsamen schnellen Eingreiftruppe der Europäer wenig begeistert. In London sagt man freilich, jetzt gehe es vor allem um ein gutes persönliches Verhältnis zwischen Bush und Blair. Doch auch da gibt es einen Wermutstropfen: Das direkte Telefon, das unter Clinton und Blair eigens für Krisenfälle wie im Irak installiert worden war, wurde von Bush gar nicht benützt. Nur Verteidigungsminister Hoon durfte dem Pentagon im Vorfeld versichern, dass auch britische Flugzeuge an den Angriffen teilnehmen würden. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2001)