Standard: EU-weit wird über Ankauf von Rindfleisch für Einlagerung beziehungsweise Vernichtung diskutiert. Wie geht’s jetzt weiter? Molterer : Österreich wird sicher keine Rindviecher vernichten. Man wird über Hilfslieferungen in Entwicklungsländer reden müssen, ohne dabei die lokalen Märkte zu destabilisieren. Standard : Wer wird das zahlen? Molterer : Die Union zahlt 70 Prozent der Ankaufsaktion, den Rest die einzelnen Mitgliedsstaaten. Die Kosten für Einlagerung, Verbrennung oder Hilfslieferungen müssen die Länder übernehmen. Standard : Und wer kommt für die 800 Millionen Schilling auf, die Schnelltests und Tiermehlentsorgung zusätzlich kosten? Denken Sie an Mehrwertsteuererhöhungen? Molterer : Da gibt es mehrere Alternativen. Das Anheben der Mehrwertsteuer ist eine davon. In den ersten zwei Krisenmonaten haben die Länder 65 Millionen gezahlt, genauso viel der Bund aus dem Katastrophenfonds; je 35 Millionen flossen aus meinem Ministerium und dem Gesundheitsministerium. Für die nächsten zwei Monate schlagen die Länder vor, 100 Millionen aus dem Katastrophenfonds zu holen, je 35 Millionen aus den Ministerien. 30 Millionen würden die Länder selbst zuschießen. Das ist aber unbefriedigend. Standard : Und was passiert nach den zwei Monaten? Molterer : Wir brauchen natürlich eine Dauerlösung. Fleischwirtschaft und Landwirtschaft wollen nicht mehr von einem Provisorium zum anderen leben. Fix ist: Die Bauern dürfen nicht noch mehr belastet werden, und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Fleischwirtschaft muss gewahrt bleiben. Standard : Was halten Sie vom Vorschlag ihres Ministerkollegen Herbert Haupt, die EU solle alles zahlen? Molterer : Die Union zahlt ohnehin: 100 Prozent der Interventionskosten von Fleisch, 100 Prozent an Exporterstattungen, 100 Prozent der Rinderprämien, 70 Prozent an der Ankaufsaktion. Wir müssen aber auch den österreichischen Status als Nettozahler in der EU berücksichtigen. Standard : Ist ein BSE-Rabatt, wie von Jörg Haider gefordert, denkbar? Molterer : Derzeit fließt viel Geld aus Brüssel für die ländliche Entwicklung nach Österreich (bis 2006 jährlich sechs Milliarden Schilling, Anm. der Red.) Die Grenzlandförderung darf nicht zum Tauschgeschäft gegen BSE werden. Standard : EU-Agrarkommissar Franz Fischler wurde vorgeworfen, er ordne die Massenvernichtung von Rindern nur an, um am Markt Platz für Fleisch aus den EU-Beitrittsländern zu schaffen. Was sagen Sie dazu? Molterer : Das ist an den Haaren herbeigezogen. Ja, wir haben ein Problem in der europäischen Landwirtschaft. Aber so schlecht ist sie nicht, wie sie jetzt gemacht wird. Wir müssen die Direktzahlungen ausbauen, und auch die ländliche Entwicklung. Vor allem brauchen wir einheitliche Spielregeln. Was für den Handel bereits gilt, muss auch für die Landwirtschaft gelten. Standard : Wohin führt der Weg der europäischen Landwirtschaft? Molterer : Der Vergleich mit dem Weinskandal in den 80er- Jahren passt. Seitdem gibt es eine Herkunftsbezeichnung für Weine. Heute legen die Leute für eine gute Flasche 120 Schilling hin. Ähnlich kann ich mir die Entwicklung beim Fleisch vorstellen. Zurzeit kostet eine Schachtel Zigaretten mehr als ein Kilo Fleisch. Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2001)