"Köpferollen und das System beibehalten? Das ist sicher nicht der richtige Weg!" Der Schweizer Versicherungsexperte und Gesundheitsökonom Christian Richner wurde von der österreichischen Regierung als einer von mehreren Experten zur Reform des heimischen Gesundheitswesens beigezogen. Und er plädiert dafür, zunächst einmal grundsätzliche Fragen zu klären. O Etwa: "Wollen wir eine Grundversorgung oder eine Komfortversorgung?" Zum "Komfort" zählen für ihn etwa: freie Arztwahl, Physiotherapie, alternative Behandlungsmethoden, Zahnmedizin. O Eine weitere Grundsatzfrage wäre: Wie viel Freiheiten und wie viel Verantwortung sind den Kunden im Gesundheitssystem zumutbar? In der Schweiz buhlen um die 7,2 Millionen Einwohner 110 soziale Krankenkassen. Sie dürfen keine Kunden abweisen. Ein "Ausgleichsfonds" sorgt für Risikoausgleich (wenn etwa eine Versicherung mehr Alte oder mehr chronisch Kranke hat). Der Kunde kann halbjährlich seine Versicherung wechseln - und fungiert damit sozusagen als Qualitätssicherer. Arztrechnungen müssen immer direkt bezahlt werden, 90 Prozent davon werden refundiert, der Selbstbehalt beträgt höchstens rund 2500 Schilling im Jahr, sozial Schwache müssen keine Eigenleistung erbringen. Wer will, kann niedrigere Prämien und dafür höhere Selbstbehalte zahlen. Auch bei einer eingeschränkten Arztwahl ("Managed Care") sind niedrigere Beiträge zu zahlen. Jeder Arzt muss seinem Patienten eine nachvollziehbare Rechnung legen. Und was kostet ein Arztbesuch - etwa bei einem grippalen Infekt? "Ungefähr ein Kinobillet", antwortet Richner im STANDARD-Gespräch. O Zu klären sei außerdem die Frage, ob die Krankenversicherung in Österreich weiterhin aus lohnabhängigen Beiträgen gespeist werden soll, obwohl reguläre Arbeitsverhältnisse in Zukunft an Bedeutung verlieren werden. Ein Problem, das Österreich, aber auch Deutschland und die Schweiz plagt, sind die mangelnden Pflegemöglichkeiten außerhalb der Spitäler. Hier muss noch eine bessere Infrastruktur aufgebaut werden. Woraus sich eine weitere Grundsatzfrage ergibt: Wer soll das zahlen? In der Schweiz habe das 1996 reformierte System trotz stärkerer Selbstverantwortung des Patienten nicht den - hierzulande befürchteten - Abschied vom Sozialstaat gebracht, meint Richner. (DerStandard, Print-Ausgabe, 21.2.2001)