Wien - Heftige Reaktionen erntete der Schriftsteller Robert Menasse mit seiner Ankündigung, rund "40 der wichtigsten Künstler unter 50" würden bald im Ausland eine "Free Austria Kunst.gmbH" gründen, deren "Angestellte" der Zahlung der Künstlersozialversicherung entgehen und der "Kulturnation" den Rücken kehren. Die österreichische Musikergilde meinte in einer Aussendung: Die Idee klinge bestechend. "Wenn Menasse derzeit von rund 40 der wichtigsten heimischen Kreativen unter 50 spricht, die dort beschäftigt und wahrscheinlich auch sozialversichert sein sollen, drängt sich allerdings eine Frage auf: Was geschieht mit den zehn- bis zwanzigtausend anderen, den ,unwichtigen‘ Kreativen? Oder haben wir es hier am Ende doch nur mit einer unausgegorenen Schnapsidee zu tun?" Auch der Schriftsteller Michael Scharang replizierte auf den gestrigen STANDARD-Bericht mit einer Aussendung: "Menasse, vormals ein literarisches Ereignis, ist zu einem Fall für die Steuer geworden." Und: "Mittlerweile wirkt er erschöpft und reif für eine Frührente aus jener Künstlersozialversicherung, die er neben der Steuer als seinen zweiten Feind entdeckte. Hat er früher, wenn er sich ungerecht be- steuert fühlte, die Absetzung des Kanzlers und den Sturz der Regierung verlangt, fordert er jetzt nur mehr den Kopf des Kunststaatssekretärs." Gleichzeitig trat Scharang aus der IG Autorinnen Autoren aus, weil deren Geschäftsführer Gerhard Ruiss Menasse beigepflichtet hatte: Die Pflichtversicherung sei in dieser Form für besser verdienende Künstler benachteiligend. Scharang: "Es scheint neuerdings fortschrittlich zu sein, Privilegien zu beanspruchen, statt sie zu bekämpfen." Dem Standard gegenüber meinte Robert Menasse dazu: Von Privilegien könne keine Rede sein. Scharang selbst sei als über 50-jähriger Autor im Rahmen der Pflichtversicherung privilegiert. "Vielleicht hat er deshalb seine umstrittenen Liebeserklärungen an die Regierung verfasst." Vorbild des angestrebten Firmenmodells seien Auslandsbüros diverser heimischer Architekten: "Natürlich werden Künstler dabei weiterhin Steuern an Österreich bezahlen. Es geht also keineswegs um ein Steuerfluchtmodell. Wir ersparen uns nur Mehrfachzahlungen im Bereich der Sozialversicherung." Dies soll für die 40 Künstler, zu denen etwa auch Michael Köhlmeier zählt (Menasse: "Viele andere werden später genannt, sie befürchten revanchistische Repressionen"), Ersparnisse in jeweils sechsstelligem Ausmaß bedeuten. Obwohl, so Menasse: "Eigentlich ist keiner von uns scharf darauf, sich mit einer Firmengründung herumzuschlagen. Würde die Regierung jetzt auf uns zukommen und sagen: 'Wir überlegen uns noch Verbesserungen dieser Pflichtversicherung', dann würden wir uns das noch einmal durch den Kopf gehen lassen." Kunststaatssekretär Franz Morak habe das zuletzt jedoch abgelehnt. Menasse: "Wenn das so bleibt, dann schaffen wir halt einen Präzedenzfall für alle Freiberufler in diesem Land." (APA/ Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 2. 2001)