Wien - "Seine Eltern sind alkoholkrank. Er wird geschlagen, der Vater lässt die Familie sitzen. Er lebt in ländlichem Gebiet und hat null Freizeitmöglichkeiten. Irgendwann fängt er an, am Wochenende in der Disco Alkohol zu konsumieren. Weil der Job auch nicht ganz alkoholfrei ist, trinkt er dann auch unter der Woche. Als er schwer betrunken randaliert, nimmt ihn die Gendarmerie fest und er fliegt aus seiner Lehrstelle. Zuletzt braucht er zehn Krügel Bier täglich. Der Bub ist 16 und bei uns in Therapie" - so beschreibt Wolfgang Beigelböck eine typische jugendliche Trinkerkarriere. Der Wiener Arzt weiß, wovon er redet. Er leitet das Therapieprogramm "Sonnenaufgang" im Kalksburger Anton-Proksch-Institut - dessen Zielgruppe: alkoholkranke Jugendliche und junge Erwachsene. Beigelböcks Patienten sind Burschen im Alter von 16 bis 23 Jahren. Alle haben mehrere Jahre Suff hinter sich, alle wollen - mehr oder weniger freiwillig - endlich mit der Abhängigkeit von der Flasche Schluss machen. "Alkoholismus unter Jugendlichen ist ein ernsthaftes Problem", erklärt der Suchtspezialist im STANDARD-Gespräch. Dennoch: So dramatisch wie die Anfang der Woche von der WHO in Stockholm präsentierten Zahlen (siehe Artikel unten) stelle sich die Situation in Österreich nicht dar. Ein Schwips pro Woche Hierzulande haben laut Beigelböck drei Prozent der 16-Jährigen einen problematischen Alkoholkonsum: Mädchen dieser Altersgruppe nehmen mehr als 40 Gramm, Burschen mehr als 60 Gramm Alkohol täglich zu sich (20 Gramm Alkohol entsprechen einem Krügel Bier oder einem Viertel Wein). Über der von der WHO definierten Harmlosigkeitsgrenze (20 Gramm Alkohol täglich für Männer, 13 Gramm für Frauen) konsumierten 19 Prozent der Burschen und neun Prozent der Mädchen. Elf Prozent der 16-bis 19-Jährigen haben einer Studie des Gesundheitsministeriums zufolge mindestens einmal pro Wochen einen "Schwips oder mehr". "Diese Zahlen sind im internationalen Vergleich eher niedrig", so Beigelbeck. Im Verhältnis zu ihren Altersgenossen aus den osteuropäischen Nachbarländern seien die österreichischen Kids geradezu "trocken". Einzige Ausnahme: Beim "Wochenendwettsaufen" belegten sie in den internationalen Statistiken einen zweifelhaften Spitzenplatz. "Da treffen sich die Jugendlichen auf dem Parkplatz von irgendwelchen Supermärkten, schütten sich einen Liter Wodka hinein und wechseln von der Nüchternheit nahtlos in die Bewusstlosigkeit über", erzählt der Therapeut. Einige dieser KampftrinkerInnen landen schließlich auf Beigelböcks Station in Kalksburg. Dort werden die Jugendlichen körperlich entwöhnt, wenn nötig auch mit Medikamenten. Dann lernen sie in therapeutischen Wohngemeinschaften wieder zu leben: Sie bekommen einen strukturierten Tagesablauf, Arbeits-, Beschäftigungs- und Bewegungstherapie. Ihre Freizeit wird organisiert, rechtliche Probleme werden in Ordnung gebracht und ein Ausbildungsplatz gesucht. "Sonnenaufgang" Nach einigen Monaten im "Sonnenaufgang"-Programm sehen einige der entwöhnten Kids tatsächlich Licht. Der Therapieerfolg bei den Jugendlichen entspricht jenem bei Erwachsenen: Ein Drittel ist nach zehn Jahren noch abstinent. Ein Drittel hat Rückfälle, die abgefangen werden können. Und der Rest verfällt dem Alkohol wieder. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 22.2.2001)