Wien - Mit Optimismus sieht der in New York lebende "Börsenguru" Heiko Thieme dem zweiten Börsenhalbjahr 2001 entgegen. Nach Ansicht Thiemes, der am Mittwoch abend anlässlich der Verleihung der S&P Funds Investment Awards nach Wien gekommen war, stünden weitere US-Zinssenkungen unmittelbar bevor - "im März und Mai je ein Viertel Prozent, wenn nicht sogar ein halbes Prozent". Die amerikanische Wirtschaft könne durch eine gezielte Steuersenkung und niedrigere Zinsen eine Rezession vermeiden. Selbst den teils herben Verlusten des vergangenen Jahres kann Thieme Positives abgewinnen. "Optimismus verlangt Basis und Substanz", so Thiemes Credo. Wachstumspotenzial in Europa Besonders hohes Wachstumspotenzial sieht Thieme im europäischen Raum mit seinen 360 Mill. Menschen, wo allerdings viel von der Politik abhänge. Ungeachtet jedweden Optimismus dürfe man sich aber eine Performanceverbesserung im Vergleich zu den vergangenen drei Jahren keinesfalls erwarten. Vor allem im Internetbereich ortet Thieme noch enormen Konsolidierungsbedarf. "Etliche Internetwerte werden noch verschwinden bzw. werden viele nie wieder ihre bisherigen Höchststände erreichen", erwartet Thieme. Die Aktie der Deutschen Telekom etwa sei auch jetzt noch massiv überbewertet, gerade 7 Euro sieht der in New York tätige Finanzprofi hier als gerechtfertigten Preis. Die Aktien der Deutschen Telekom beendeten den Handel am Mittwoch bei 25,19 Euro, nachdem sie im vergangenen Monat bereits rund ein Drittel ihres Wertes eingebüßt hatte. "Künftig werden jedenfalls wieder verstärkt Kennzahlen wie etwa der Cash-Flow verstärkt zur Bewertung herangezogen", meint Thieme. Charttechnik und fundamentale Analyse hingegen würden an Wichtigkeit verlieren: "Charttechniker und Analysten sind letztlich nur Facharbeiter." "New Economy heillos überbewertet" Trotz der Breitseite gegen die lange Zeit heillos überbewerteten Titel der "New Economy" unterstreicht Thieme zugleich, dass der zu erwartende Aufschwung nicht ohne Technologie passieren könne. "Die Zukunft ist der technologische Fortschritt", erklärt Thieme und konfrontiert das anwesende Fachpublikum mit einem neuen Schlagwort: "Wissen sie, was HUPO ist? HUPO steht für Human Protein Organisation. Gene sind out, Proteine heißt das Thema der Zukunft". Während es "nur" 30.000 Gene zu erforschen gebe, liege die Zahl bei Proteinen 100 mal so hoch. Werte aus dem Bereich Biotechnologie hätten die Chance, zu den "Microsofts" dieses Jahrzehnts zu werden. Optimismus für den ATX Den Dow Jones sieht Thieme im Jahresverlauf bei 12.000, eventuell sogar 12.500 Punkten, den S&P-500 bei 1.550 und 1.575 Zählern. Dass der Dow in diesem Jahrzehnt die 20.000er-Marke und der DAX die 15.000er-Marke durchbricht ist für Thieme keine Frage. Auch dem Wiener Leitindex ATX billigt er über diesen langen Zeitraum eine Verdoppelung zu, "obwohl dieser nicht moderne Industrie darstellt". Trend zu Indexfonds Im Fondsbereich erwartet Thieme einen Trend zu Indexfonds, die seiner Meinung nach künftig die größte Kategorie darstellen werden. Thieme begründet seine These damit, dass die Chance einen Index langfristig zu schlagen, gering sei. "Über einen Zeitraum von zehn oder auch 20 Jahren ist dies vielleicht möglich, aber bei der Vorsorge sprechen wir von einem Zeitraum von 40 bis 45 Jahren". (APA)