Wien - "Ich will nicht nur eine Geistliche sein", sagt Eveline Goodman-Thau (66), die ab März als erste Rabbinerin Österreichs die jüdische Gruppe "Or Chadasch - Bewegung für progressives Judentum" in Wien-Leopoldstadt führen wird. Sie wolle vielmehr Leben und Lehre zusammenführen, sagte Goodman-Thau am Freitag. Ihr gehe es dabei auch um den jüdisch-christlichen Dialog und den Kampf gegen die Etikettierung "Jude". Vor 1938 habe es ÖsterreicherInnen, Deutsche, HolländerInnen gegeben, egal welcher Religion sie angehörten. Dann habe man sie als "Juden" abgestempelt. Dieses "Label" habe sich gehalten. Bis heute sehe man auch in Wien Jüdinnen und Juden nicht mehr als Teil der Gesellschaft, sondern als Minorität. "Das muss man brechen", so Goodman-Thau. Ihre Eltern hätten sich in der Staatsoper kennen gelernt, erzählt die Professorin für jüdische Religion, die selbst 1934 in Wien geboren wurde. Fotos zeigen die Eltern in Venedig, den Vater mit Manes Sperber, sie selbst als kleines Mädchen - und würden dokumentieren, was der Rabbinerin so wichtig ist: ihre Familie bestand wie so viele andere auch aus ganz normalen Wienern. Dorthin müsse man heute eben wieder zurück kommen - Jüdinnen und Juden als ÖsterreicherInnen zu sehen. Gegen den blinden Fleck Das will Goodman-Thau nicht nur ihren bis jetzt rund 160 Schützlingen von "Or Chadasch" vermitteln. Ab dem Wintersemester 2001/2002 wird die Wissenschafterin (u.a. Franz Rosenzweig-Gastprofessur an der Uni Kassel, Karl Jaspers-Gastprofessur an der Uni Oldenburg) an der Judaistik der Universität Wien eine Vorlesung halten. Über darüber hinausgehende Vortragsangebote würde sie sich freuen. Zudem wird sie an einem kulturphilosophischen Forschungsprojekt arbeiten. So könnte es gelingen diesem "blinden Fleck" der ÖsterreicherInnen vielleicht entgegen zu wirken. "Es bewegt mich sehr", sagt Goodman-Thau zu ihrer Rückkehr nach Wien, wenn sie freilich vorerst auch nicht gänzlich nach Österreich ziehen wird. Seit 1956 lebt sie in Jerusalem, pendelt aber schon seit Jahren auf Grund ihrer Lehrtätigkeit zwischen Israel und Deutschland hin und her. Nun kommt Wien als dritte Station hinzu - vorerst für ein Jahr, so lange wird ihr Rabbinat von der Gemeinde Wien einmal finanziert. Frauen mitbeteiligen Als Rabbinerin - Eveline Goodman-Thau ist übrigens orhtodoxe Jüdin - geht es ihr in ihrer eigenen Religion darum, dass Frauen künftig auch an der Bestimmung der Regeln mitbeteiligt sind. Das Judentum habe eine Praxis und ein Recht, Letzteres müsste sich immer wieder am Ersten orientieren. Goodman-Thau wird übrigens anders als andere Rabbiner in deutscher und nicht in hebräischer Sprache predigen, in ihrer Gemeinde werden Frauen und Männer gemeinsam den Gottesdienst verfolgen. Ob die beiden Geschlechter gemeinsam oder getrennt der Predigt folgen, ist für die Rabbinerin und Wissenschafterin allerdings nicht das Ausschlaggebende. Wichtig sei, dass es einen gemeinsamen Beschluss, einen "inneren Konsens" in der Gemeinde gebe, getrennt oder gemeinsam sitzend den Gottesdienst besuchen. (APA)