In den meisten akademischen Umwelten, die ich kenne, ist es in Gesprächsrunden unter Kollegen üblich, seinem Gegenüber zunächst einmal Anerkennung zu zollen ("Ich meine, was du soeben gesagt hast, ist sehr wichtig..."). Aber das ist immer nur eine Einleitung zur Darstellung des eigenen Standpunkts. Und dieser zählt nur dann, wenn er sich von anderen unterscheidet. Organilität bringt Pluspunkte, Kritik ist akademische Pflicht (und wenn sie nebenbei das Ansehen des Kollegen schädigt, so nimmt man das gerne in Kauf). Nicht so in Schweden. In einer Runde holt mein Gesprächspartner zu einem Kommentar aus: "Ich meine, was du soeben gesagt hast, ist sehr wichtig." Ich warte auf die Fortsetzung: "Aber im Gegensatz zu dir bin ich der Ansicht,..." oder: "Andererseits übersiehst du vielleicht, dass...". Nichts dergleichen. Zu meiner Verblüffung wiederholt er: "... sehr, sehr wichtig." Die darauf folgende Pause hält so lange an, bis ich verstehe, dass nichts mehr weiter folgt. Was habe ich bloss falsch gemacht? Es dauert einige Zeit, bis ich die Botschaft verstehe: Er versucht ledglich, mich in den Augen der anderen aufzuwerten. Es ist ein Ritual der Inklusion: Deine Meinung zählt hier (egal welche du hast, egal ob ich sie teile). Das ist die Basis für Kooperation, die an praktischen Lösungen interessiert ist, nicht am Streit der Auffassungen. Wer nämlich so anerkannt wurde, kann auch leichter verpflichtet werden. Das Verteilen der Arbeitslasten in den hierzulande besonders häufigen Abteilungsversammlungen funktioniert viel reibungsloser. Flache Arbeitshierarchien und konsensorientiere Meetings sind Ingredienzen einer Organisationskultur, die sich als bemerkswert flexibel und produktiv erweist. Leser des schwedischen Erfolgsautors Henning Mankell wissen Bescheid. Kommissar Wallanders Fälle werden in endlosen Dienststellenversammlungen durchgekaut. Die Mitarbeiter erzählen als vielstimmiger Chor die ohnehin schon bekannten Details immer wieder, bis aus den minimalen Variationen plötzlich ein Schlüssel zur Lösung des Rätsels auftaucht. Diese Methode findet ihre Entsprechung in einer politischen Kultur, die das Siezen durch das allgemeine Du-wort ersetzt hat und in der die jetzige Arbeitsministerin Mona Sahlin als Kanzlerkandidatin scheiterte, weil sie beim Einkauf am Kopenhagener Flughafen einen Riegel Toblerone versehentlich mit der Kreditkarte ihres Ministeriums bezahlte. Beim Abschlussdinner einer Konferenz in Kopenhagen habe ich einmal erlebt, dass der Nachbartisch (noch vor dem Weinkonsum) dänische Volkslieder anstimmte. Ich erkundigte mich bei meinem Sitznachbarn, einem bekannten Ökonomen, nach dem Grund für dieses merkwürdige Verhalten. Er erklärte, das sei in Dänemark durchaus üblich. An seinem Institut würden staff meetings und selbst Vorlesungen oft mit gemeinsamem Liedersingen eingeleitet. Das schaffe eine sehr produktive Atmosphäre. Als ich das einem schwedischen Kollegen erzähle, schüttelt dieser den Kopf. So etwas sei in Schweden völlig undenkbar. Aber die Dänen und Norweger hätten eben diesen Minderwertigkeitskomplex der kleineren Völker, der sich in solch nationalistischen Unsitten äußere. Zur Ehrenrettung dieses Brauchs soll hier noch eine historische Anekdote berichtet werden. Die heutige Königin Margarethe II wurde am 16.4.1940 geboren, eine Woche nach der Okkupation des Landes durch die Truppen Hitlers. Die im vergangenen Jahr gestorbene populäre Königin-Mutter Ingrid bestand darauf, ihr Baby in der Stadt spazieren zu führen. Die Bürger der Hauptstadt nahmen diese Ausgänge zum Anlass für spontane Versammlungen, bei denen patriotische Volkslieder gesungen wurden. Mir scheinen die schwedischen Zustimmungsrituale jedenfalls ein funktionales Äquivalent für das dänische Volksliedsingen. Die beabsichtigte Wirkung ist in beiden Fällen dieselbe: Produktivitätssteigerung durch symbolischen Konsens. Rein persönlich ziehe ich die schwedische Methode vor. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 24./25. 2. 2001)