Eine Katharsis, eine innere Läuterung, müsse Serbien durchmachen, damit sich Südosteuropa nachhaltig stabilisieren kann. Das meinte Kroatiens Präsident Stipe Mesic jüngst sinngemäß während seines Besuches in Österreich. Mesic war der letzte Präsident des ehemaligen Jugoslawien. Er hat sich vom einstigen Weggefährten des kroatischen Staatsgründers Franjo Tudjman zum Befürworter eines nicht nationalistischen, pluralistischen, offenen Kroatien emanzipiert. Er kämpft dabei auch gegen erhebliche Widerstände im eigenen Land, und das macht seine Kritik an den serbischen Nachbarn umso glaubwürdiger. Serbiens neuer Präsident Vojislav Kostunica konnte Skeptiker bisher nicht von seiner Entschlossenheit überzeugen, mit dem früheren Regime schonungslos abzurechnen - und dabei auch für viele Serben unangenehme Wahrheiten offen zu legen. Aber obwohl der Legalist Kostunica vor dem "Prinzip der revolutionären Gerechtigkeit" warnt, scheint sich in der neuen Belgrader Führung die Einsicht durchzusetzen, dass kein Weg an einer freiwilligen Katharsis vorbeiführt, wenn der Neubeginn des Landes gelingen soll. Was die Zusammenarbeit mit dem UN-Tribunal betrifft, so gibt es in Belgrad noch keine einheitliche Linie. Wohl aber scheint man nun die Verfolgung von Slobodan Milosevic und seinen Paladinen durch die eigene Justiz mit einiger Konsequenz zu betreiben. Die Verhaftungswelle unter Milosevic-Vertrauten verfolgt offensichtlich mehrere Ziele: einem etwaigen Putsch vorzubeugen und Überläufer zu gewinnen, die dann Belastungsmaterial gegen den ehemaligen Chef liefern. Überläufer musste es natürlich schon jetzt in ausreichender Zahl geben, damit die Aktion "Schnappt Milosevic" überhaupt anlaufen konnte. Aber das ist eine andere und außerdem keineswegs neue Geschichte. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2001)