Hugo Boss ist für Italiens Textilriesen Marzotto ein wahrer Segen. Denn ohne Boss hätte das aus Valdagno bei Vicenza stammende Traditionsunternehmen im Vorjahr einen geringeren Gewinn ausgewiesen. Und "Frau Boss", die von Grit Seymour im letzten Herbst erstmals präsentierte Damenkollektion, soll zum eigentlichen Wachstumsmotor bei Marzotto werden. Bei dem am Wochenende gestarteten Mailänder Mode-Marathon wird denn auch die Boss-Damen-Kollektion zum eigentlichen Star. Nicht etwa, weil die erste Kollektion mit viel Sachlichkeit und einem Hauch von Erotik zum Event der Mailänder Modeschauen wurde. EURO im kommenden Jahr avancieren soll. Bereits gegenwärtig trägt die vor zehn Jahren erworbene Hugo Boss AG rund 50 Prozent zum Marzotto-Konzernumsatz (2000: 12,6 Mrd. EURO) und 80 Prozent zum operativen Gewinn (190 Mio. EURO) bei. "Dazukaufen, nicht verkaufen" Marzotto-Konzernchef Innocenzo Cipolletto dementierte in einem Gespräch mit dem S TANDARD die Gerüchte, wonach der Boss-Eigentümer Marzotto mit dem französischen Luxuskonzern LVMH verhandle. "Wir wollen eher dazukaufen als verkaufen" meinte Cipolletto und ließ wissen, dass er vor allem bei Sportbekleidung und Damenbekleidung im mittleren bis oberen Preissegment Ausschau nach einer "Beute" halte. Er wolle sich keineswegs zum Luxusmode-Konzern wandeln, sondern im mittleren bis oberen Segment verharren und nur "Abstecher" in den Luxusbereich machen. Marzotto ist nicht nur dabei, die Produktionsauslagerung nach Tschechien und Litauen im laufenden Jahr abzuschließen. Konzernchef Cipolletto ist auch auf der Suche nach starken Marken. Bisher fertigt Marzotto nicht nur die Boss-Frauen- und die Marlboro Classics Sportbekleidungskollektion, er hält auch die Lizenz für den Mailänder Nobelschneider Gianfranco Ferré. Nachdem Ferré jedoch an die ITR-Holding verkauft wurde, ist eine Erneuerung des Lizenzvertrags in zwei Jahren fraglich geworden. Daher wird nun auf dem US-Markt bereits eine eigene Marke "Marzotto" getestet. Sollten die Tests Erfolg haben, wird Marzotto-Herrenmode in ganz Europa zu haben sein. Gleichzeitig will Cipolletto aber auch das Vertriebsnetz ausbauen und plant, die Anzahl der 300 Boutiquen um weitere 150 Shops aufzustocken. "Das Vertriebsnetz spielt eine wichtige Rolle für Marketing und Werbung", bestätigte der Konzernchef seine Wachstumsabsichten. Der mehrheitlich von der Familie Marzotto kontrollierte Konzern ist nicht nur der größte Wollweber Europas. Es ist auch das einzige Textil- und Bekleidungsunternehmen, das sämtliche Fertigungsprozesse, vom Wollspinnen bis zum Endprodukt in eigener Regie umsetzt. (DER STANDARD, Printausgabe 28.2.2001)