Mexiko-Stadt/Wien - Seinen ersten großen Auftritt hatte Marcos am 1. Jänner 1994. Damals - Mexiko feierte Neujahr und das Inkrafttreten des nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta - besetzten seine vermummten Mitkämpfer die alte Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas, den Bischofssitz von Chiapas im Süden Mexikos, und erklärten der Zentralregierung den Krieg. "Basta ya!", es reicht. Schluss mit der Ausbeutung und Ausgrenzung von zehn Millionen Indios, "tierra y libertad", Land und Freiheit. Kaum jemand kannte bis dahin diese selbst ernannten Erben des 1919 ermordeten Revolutionärs Emiliano Zapata. In einer förmlichen Kriegserklärung nannte das Zapatistische Heer der Nationalen Befreiung (Ejército Zapatista de Liberación Nacional - EZLN) Armut, Landlosigkeit und politische Unterdrückung als Gründe für die Erhebung, die vor allem von der indigenen Urbevölkerung getragen wird. Die Armee ging mit großer Härte gegen die Aufständischen vor. Es gab rund 400 Tote. In der Hauptstadt protestierten 100.000 Menschen gegen den Militäreinsatz. Nach zwölf Tagen wurde bereits ein Waffenstillstand geschlossen, und 1996 einigten sich Regierung und Revolutionäre in San Andres auf ein Abkommen, das der indigenen Bevölkerung eine weit reichende Autonomie versprach. Allerdings behandelte die damals noch mächtige Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) Chiapas, eine der ärmsten Gegenden des Landes, weiter wie ein Feudalgut, worauf die EZLN die Kontakte abbrach. Das meiste Blut vergossen die Milizen, die im Auftrag von Großgrundbesitzern und der PRI wüteten. Hunderte Menschen wurden getötet und Tausende vertrieben. Grausames Symbol des Konflikts wurde das Massaker von Acteal, bei dem Bewaffnete am 22. Dezember 1997 in der Dorfkirche 45 Indigenas beim Beten ermordeten. Als Ernesto Zedillo von der RPI im vergangenen Jahr als Präsident abgewählt und Vicente Fox zum Nachfolger gewählt wurde, betrat Subcommandante Marcos nach 15-monatiger Pause wieder die Bühne. In einer ausgedehnten Pressekonferenz im Dorf La Realidad wetterte er, Zedillos Präsidentschaft sei ein sechs Jahre währender Albtraum gewesen. "Realidad" bedeutet Wirklichkeit. Trotz des Drucks durch Militär und Wirtschaftskreise verkündete Fox, er wolle mit den Zapatisten Frieden schließen. Zu den Vermittlern gehörte unter anderem Erzbischof Samuel Ruiz, den der Vatikan in Pension geschickt hatte. Fox begrüßt den Friedensmarsch der Zapatisten und lässt ihn von insgesamt 2000 Polizisten schützen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2001)