Paris - Die Erstellung eines "Weisenberichts" als Prämisse für die Aufhebung der EU-"Sanktionen" war nach Auffassung des französischen Germanisten und Historikers Jacques Le Rider keine gute Lösung. Die Entsendung der drei "Weisen" bedeutete, in eine von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) und Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider (FPÖ) gestellte "Falle" zu gehen, schreibt Le Rider in seinem Buch "L'Autriche de M. Haider. Un journal de l'annee 2000" ("Das Österreich des Herrn Haider. Ein Tagebuch des Jahres 2000", Edition PUF, Paris), in dem er die politische Entwicklung Österreichs seit Beginn der Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen analysiert. Le Rider, von 1994 bis 1996 Leiter des französischen Kulturinstituts in Wien und nunmehriger Präsident der Thomas-Bernhard-Gesellschaft in Frankreich, ist einer der profiliertesten Österreich-Spezialisten im Lande. Was die gegenwärtige Beziehung zum "offiziellen" Österreich betrifft, so befürwortet er einen "selektiven Boykott". Man solle jede offizielle Einladung ablehnen, "die dazu beitragen könnte, das Image von Wien als Schnittpunkt internationaler Begegnungen zu festigen". Dagegen solle man "individuelle Projekte" beibehalten, "wenn sie mit bekannten und bewährten Partnern abgewickelt werden". Das Tagebuch reicht vom 3. Februar 2000 - dem Vortag der VP-FP-Regierungsangelobung - bis zum 11. Dezember. Als "unzulässig" bezeichnet der Autor Haiders "ständige Attitüde der Verharmlosung des Nationalsozialismus", welche eine "symbolische Aggression gegen die europäische Erinnerung" darstelle. "Es ist eine Idee von Österreich, die eingebrochen ist, eine Idee, welche die sozio-politische Realität vergessen lässt", erläutert Le Rider seinen Liebesentzug gegenüber dem einst so "verehrten" Österreich. Le Rider, gegenwärtig Studienleiter an der Hochschule EPHE ("Ecole Pratique des Hautes Etudes"), entdeckte die Alpenrepublik im Jahre 1974, als er ein Jahr zur Vorbereitung seiner Diplomarbeit in Österreich verbrachte. Er veröffentlichte auch ein Standardwerk zu den intellektuellen Strömungen im Wien der Jahrhundertwende ("Modernite viennoise et crise d'identite", PUF 1990). Im seinem Tagebuch befasst sich Le Rider eingehend mit der seiner Ansicht nach mangelnden und unwirksamen Entnazifizierung im Österreich der Nachkriegszeit und kommt zu dem überraschenden Schluss, dass es besser gewesen wäre, die Alpenrepublik 1919 an Deutschland anzuschließen: "Es wäre besser gewesen, den Anschluss ab 1919 zu erlauben. Man hätte es in der Tat heute bloß mit einem zweiten Bayern zu tun, und insgesamt würde ich ein doppeltes Bayern einem haiderisierten Österreich vorziehen", schreibt der Historiker wörtlich. (APA)