In ihrem Beitrag "Was Hofmannsthal schrieb" (18. 8.) versucht Pia Janke, Assistentin für Germanistik der Universität Wien, Hugo von Hofmannsthal als Lederhosenkavalier zu kostümieren.

Ein origineller Gedanke, wäre er nicht mit der Absicht verbunden, Hofmannsthals Gedankenwelt in die Nähe jener des Nazi-Germanisten Josef Nadler zu rücken und damit den Vorwurf Herrn Mortiers philologisch zu legitimieren, die Salzburger Eröffnungsrede des Bundespräsidenten, der sich wiederholt auf Hofmannsthals Festspiel-Idee berief, trage faschistische Züge.

Was für ein Quatsch. Hugo von Hofmannsthal, einer der wenigen österreichischen Weltenbürger dieses Jahrhunderts, galt den Nazis mit Recht als Galionsfigur der "jüdisch-kosmopolitischen Fratze" der Salzburger Festspiele, und sie hatten 1938 nichts Eiligeres zu tun, als den "Jedermann" sofort aus deren Spielplan zu verbannen. Nadler und Hofmannsthal sind Lichtjahre voneinander entfernt. Man braucht nur Hofmannsthals ergreifende Eloge über seinen Abgott Hölderlin zu lesen, der für ihn das Symbol für die Vereinbarkeit von jüdisch-christlichem und hellenischem Geist war, um zu wissen, wo der eine steht und wo der andere.

Falsche Adresse

In ihren Thesen stützt sich Frau Janke auf den angeblich von Hofmannsthal stammenden Aufruf "Salzburger Festspielhaus", einem Aufruf zum Beitritt zur Festspielhausgemeinde aus dem Jahre 1919. Aufrufe solcher Art spiegeln weniger die Gedankenwelt des Verfasser wider, als die Bewusstseinslage der Adressaten. Und die Entscheidungsträger dieser Adressaten waren damals der deutschnationale Staatskanzler Renner, der deutschnationale Nationalratspräsident Dinghofer und der deutschnationale Salzburger Landeshauptmann Meyer. Ihnen in erster Linie sollte durch diesen Aufruf die Salzburger Festspiel-Idee schmackhaft gemacht werden.

Gewiss hat sich Hofmannsthal über den "österreichisch-bajuwarischen Spieltrieb" Gedanken gemacht. Aber nicht im Sinne von Josef Nadler und dessen Ideologie der deutschen Stämme, sondern im Sinne des Iren William Butler Yeats: "Wenn ich mich erinnere, wie sehr sich Yeats die Mühe nimmt, den Gedanken eines Theaters für solche, die ein Schauspiel mit der sinnlich-empfänglichen Fantasie und nicht mit der Intelligenz aufnehmen, fasslich zu machen, so springt mir die Größe unseres Besitzes in die Augen, dass wir seit Jahrhunderten ein volkstümliches Theater besessen haben".

Und an anderer Stelle: "Man hat im katholischen südlichen Deutschland und in Österreich bis Ende des 18. Jahrhunderts ein volkstümliches Theater besessen, dessen Gegenstände ebenso oft aus der Bibel als auch aus aus dem alten Allegorienschatz der Mysterien gezogen waren - und Oberammergau mit seinen Passionsspielen ist nur ein Überbleibsel dieser naiven theatralischen Welt, sozusagen das letzte Spitzchen eines versunkenen Inselkontinentes ... Ich habe ... in meiner dramatischen Version des "Jedermann"-Stoffes diese Fackel aufgenommen, die hier bei uns noch glimmend auf dem Boden lag ..."

Auf den "Jedermann" und auf "Das Große Salzburger Welttheater" bezieht sich dieser Verweis auf Oberammergau - meines Wissens der einzige in Hofmannsthals Werken. Und auch hier wäre es falsch, zu meinen, Hofmannsthal habe, wenn schon keine "jüdisch-kosmopolitische Fratze", so doch wenigstens ein katholisch-konservatives Gesicht. Er war weder ein gläubiger Katholik, noch war er konservativ. Und wenn Frau Dr. Janke meint, Hofmannsthals Schriften seien "ein bequemes Vehikel, aus dem heutigen Salzburg all das zu verbannen, was auf Provokation und Konfrontation hindeuten könnte", so sei sie auf folgende Passage des Dichters aufmerksam gemacht:

"Das Vollendete ist tot, und was von Mozart für uns lebt, ist nicht seine lichte Lehre, die heute wissenschaftlich erkannt wird, ist einzig die sinnliche Schönheit seiner Form. Ein Zurück zu Mozart ist ebenso unmöglich wie zu den Griechen; uns fördert heute nur Lebendiges, werdend wie wir, ringend, stammelnd, wechselnd wie wir. Gewordenes können wir nicht verstehen; nur den Willen, auch einmal etwas Vollendetes zu werden, kann es uns verleihen."

Der österreichische Kosmopolit Hofmannsthal hat die Salzburger Festspiele als sein - wenn auch nicht als sein alleiniges - Vermächtnis hinterlassen. Er träumte - wie W.B. Yeats - von einem Publikum, wie es Sophokles, Shakespeare und Calderon hatten. Er setzte, solange er auf den Schauspielsektor Einfluss hatte, Werke von Shakespeare, Molière, Goldoni, Schiller und Gozzi auf das Festspielprogramm, Werke, die mit der "Oans - zwoa - g'suffa"-Mentalität des österreichisch-bajuwarischen Stammes nichts zu tun haben.

Wenn heute irgendetwas von dieser Mentalität in Salzburg noch lebendig ist, so ist es der Watschentanz, den die derzeitige Festspielleitung aufführt. Aber diese hat Hofmannsthal nicht bestellt.

Peter Weiser, Jg. 1926, in den frühen Jahren der 2. Republik Chefdramaturg des Senders "Rot-Weiß-Rot", danach Theaterkritiker und Generalsekretär der Wiener Konzerthausgesellschaft, lebt heute als Publizist und Leiter einer Veranstaltungsagentur in Wien.