Die Buddha-Statuen von Bamiyan, die, während dieses geschrieben wird, wahrscheinlich gerade aus Granatwerfern beschossen werden, haben das Pech, dass sie zu groß sind, um unter der Hand verscherbelt werden zu können. Genau das ist - übrigens zur Freude von reichen Sammlern in aller Welt - mit dem Kulturerbe Afghanistans passiert, seit dort die Taliban am Werk sind. Verglichen mit dem, was sie mit Rauschgiftproduktion und -handel verdient haben, sind die Einnahmen aus dem "Kunsthandel" für die islamistischen Eiferer wahrscheinlich Peanuts, aber immerhin. Und unsauberer als das aus den - im Islam selbstverständlich verbotenen - Drogen ist das aus den meist aus vorislamischer Zeit stammenden Gegenständen lukrierte Geld für sie wohl auch nicht. Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel, nicht nur in Afghanistan.

Bilderstürmerei ist selbstverständlich nichts Neues in der Geschichte, und es ist auch nichts spezifisch Islamisches, auch wenn das Abbildungsverbot - in der islamischen Kunst- und Kulturgeschichte unzählbare Male gebrochen - dem Auslöschen von Figuren und Gesichtern in diesem Fall besonders entgegenkommen mag. In Ägypten waren es übrigens die koptischen Christen, die sich an den pharaonischen Statuen vergriffen, aber das war vor Jahrhunderten. Vom "Steinzeit-Islam" der Taliban - natürlich ein Widerspruch in sich, denn der Islam war bei seiner Verkündigung zwar keine revolutionäre, aber doch eine fortschrittliche Religion - kann man wahrscheinlich nichts anderes erwarten.

Man muss sich diese Leute vorstellen: Aufgewachsen und indoktriniert meist unter miesesten Umständen in pakistanischen Flüchtlingslagern, sind sie plötzlich Herren über 95 Prozent Afghanistans. Dass sie dieses nicht zuletzt geworden sind, weil eine Stabilisierung des Landes, um welchen Preis auch immer, und eine gleichzeitige Zurückdrängung des iranischen Einflusses zugunsten des saudischen den USA zupass kam, steht auf einem anderen Blatt. Wahr ist auch, dass die Bevölkerung Afghanistans damals und zum Teil auch heute das schwierigste Leben unter den islamischen Obskurantisten dem jahrelangen Krieg zähneknirschend vorzog (heute, da nicht nur in den Lagern der vor den Taliban Geflüchteten die Menschen an Hunger und Kälte sterben, dürfte das allerdings wieder etwas anders aussehen).

Zurück zu den Taliban, sie sind - und das wird meistens vergessen, weil dann ihre übliche Kategorisierung als schlicht "radikal-islamisch" als zu kurz greifend entlarvt würde - auch durch ein stark rassistisches Element charakterisiert. Zwar sind sie durch die Expansion ihrer Herrschaft nicht mehr so rein paschtunisch wie zu ihren Anfängen, aber gerade das für den Islam in seiner Geschichte typische Element, nämlich die meist eher freundliche Assimilierungsgabe, wenn er auf neue Völker und Kulturen stieß, fehlt ihnen völlig.

Die schiitischen Hazara auf erobertem Gebiet werden von ihnen regelmäßig massakriert, ihre verbliebene militärische Gegnerschaft setzt sich aus Uzbeken und Tadschiken zusammen. Dass etwas kaum gegen den Islam sein kann, was schon vor ihm da war, wird man ihnen vergeblich zu erklären versuchen: Es ist "fremd". Wenn die Taliban von Islam sprechen, meinen sie die kulturellen und religiösen Befindlichkeiten des konservativsten Paschtunen-Stammestums, gemischt mit neofundamentalistischen Lehren.

Das macht die Situation nicht erträglicher. Ein bisschen geniert man sich, dass die Zerstörung von Kunstschätzen, die einem in der Tat die Tränen in die Augen treibt, die Welt eher aufrüttelt als die Misshandlungen von afghanischen Frauen und Männern durch ihr brutales Regime oder ihr menschenunwürdiges Leben und Sterben in Flüchtlingslagern. Vielleicht profitieren ja auch sie, denen die Statuen von Bamiyan herzlich egal sein dürften, in irgendeiner Weise vom plötzlichen Interesse für die Zustände in Afghanistan. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 5. 3. 2001)