Krems - "Ich habe nur gedacht: er oder ich. Ich hatte Todesangst!" Jener Gendarm, der wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen am Montag, am Landesgericht Krems vor dem Richter stand, bekannte sich nicht schuldig. Sein Verteidiger sprach eingangs von der lebensbedrohlichen Gefahr, der sich sein Mandant gegenüber gesehen und deshalb in Notwehr gehandelt hatte. Friedrich P. (45) hatte laut Anklage am 14. August 2000 in Gars am Kamp im Zuge der Fahndung nach einem flüchtigen Räuber Schüsse abgegeben und dabei einen unbeteiligten Motorradfahrer tödlich getroffen. "Ein Mensch ist tot" Durch detaillierte Fragen versuchte der Richter zunächst den minutiösen Ablauf des Einsatzes herauszuschälen, ehe er nach eineinhalb Stunden Befragung feststellte, dass der Gendarm nunmehr die dritte Version des Geschehens abgeliefert hätte. "Dass ein Mensch da war, der nun tot ist, ist traurig genug. Oder wollen Sie das auch wegdiskutieren?", so der Richter, nachdem P. ausgesagt hatte, beim Nachschießen auf den verdächtigen Pkw sonst niemanden wahrgenommen zu haben. Und weiter: "Sind wir uns einig, dass dort, wo eine Kugel hingelangen kann, auch der Blick eines Menschen hingelangen kann?" Der Gendarm schilderte, wie er nach dem Aviso der Alarmfahndung mit seinem Kollegen S. zu dem Parkplatz an der Kamptalbundesstraße gefahren ist. Dort half er S. beim Anlegen der Dienstweste. Als er von rechts einen silberfarbenen Wagen mit rund 100 km/h nahen sah, lief er am Dienstfahrzeug vorbei Richtung Straße, bis zur Fahrbahnmitte, und zog die Waffe. Einen in einiger Entfernung vor dem Pkw fahrenden Motorradfahrer habe er vorbeigewinkt, dann die Hand zum Anhalten gehoben. S. befand sich rund zehn Meter entfernt rechts von ihm. Der verdächtige Pkw-Lenker habe zunächst gebremst, dann Gas gegeben und sei auf S. zugefahren. Dieser rettete sich durch einen Sprung zur Seite. Warnschuss Als der Wagen auf ihn selbst zukam, gab er nach seiner Aussage einen Warnschuss in die Luft ab, sah aus einem halben Meter Entfernung in den Lauf einer durch das geöffnete Seitenfenster auf ihn gerichteten Waffe und schoss drei- bis viermal. Die Frage des Richters, "Gezielt auf den Fahrer?", umging P. zunächst, ehe er sie bejahte. "Es hieß, er oder ich", so der Gendarm. "Wann war der beschleunigende Wagen endlich vorbei?" Der Richter zeigte sich ungläubig über die Länge dieser Schrecksekunden. P. gab in der Folge an, dem Wagen mehrmals nachgeschossen zu haben. Ein Projektil fand sich im Airbag, laut Obduktion wurde der Motorradfahrer, ein HTL-Lehrer aus Wien, in den Rücken getroffen. Der Richter hielt dem Beschuldigten frühere Aussagen vor, wonach er in unmittelbarer Folge geschossen hätte. Außerdem habe sich heute eine Ohrenzeugin gemeldet, die von "rhythmischem Stakkato" sprach. Zweieinhalb Stunden Befragung Die Befragung des Gendarmen dauerte mehr als zweieinhalb Stunden und wirkte sichtlich zermürbend. Vom Schluchzen geschüttelt sagte P., er habe bei den Einvernahmen immer das Bild des am Boden liegenden Motorradfahrers vor sich gehabt. "Ich nehme an, das haben Sie noch heute", meinte der Richter, dem es bis ins kleinste Detail u.a. um die Lage der gefundenen acht Patronenhülsen, den Schusswinkel, die Geschwindigkeit des verdächtigen Pkw und die Notwehrsituation an sich ging. Während Staatsanwalt Friedrich Kutschera keine Fragen an den Beamten richtete, beleuchtete dessen Verteidiger auch die Ausnahmesituation für seinen Mandanten nach dem tragisch endenden Geschehen. Als das irrtümlich getroffene Opfer auf der Straße lag, galt es, für die Landung des Notarzthubschraubers die Straße zu sperren und weiter Dienst zu versehen. Um 18.30 Uhr erfolgte die erste Einvernahme: "Ich war nervlich und psychisch ein Wrack", so der Gendarm. Die Formulierungen seien ihm deshalb teilweise von Kollegen vorgegeben worden. Das - für derartige Fälle vorgesehene - "Post-Shooting- Programm" sei erst danach eingeleitet worden. Biker-Freund als Zeuge Als Zeuge war der Biker-Freund des Getöteten geladen. Der Wiener Arzt Alex S. (43) war an jenem Sonntagnachmittag mit seiner Maschine - wie zumeist - voran gefahren. An der Ortseinfahrt bemerkte er eine Gendarmerie, die er für eine Verkehrskontrolle hielt. Im Rückspiegel sah er - 50 bis 70 Meter hinter sich - Michael H. (53) fahren. Als er registrierte, dass eine Person auf die Fahrbahn sprang, nahm er an, die Kontrolle gelte seinem Freund. Deshalb hielt er an und stieg ab. Nach seiner Aussage hörte er eigenartige Geräusche - in knappen, aber unregelmäßigen Abständen. Für ihn klang es wie ein technisches Gebrechen eines Kfz, dann hatte er noch den Eindruck eines vorbeifahrenden hellen Autos und sah kurz darauf H. am Boden liegen. Verhandlung vertagt Rechtsanwalt Rainer Rienmüller stellte mehrere Anträge, die nach kurzer Pause vom Richter alle angenommen wurden. Die Verhandlung wurde deshalb vertagt. Als Zeugen geladen werden der Kollege des Beschuldigten, weiters jene zwei Beamten, die den Verdächtigen wenig später stoppten. Sie werden laut Rienmüller aussagen, dass der Flüchtige auch sie mit einer Faustfeuerwaffe bedroht hat. "Post-Shooting-Syndrom" Auch der Verdächtige selbst, der noch am selben Tag gefasst und mittlerweile - nicht rechtskräftig - u.a. wegen Raubes und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, wird befragt werden. Darüber hinaus hat der Verteidiger u.a. die Erstellung eines augenfachärztlichen Gutachtens sowie eines gerichtsmedizinischen Gutachtens beantragt. Es geht ihm um den Beweis dafür, dass mit dem anerkannten Phänomen des "Post-Shooting-Syndroms" Erinnerungslücken bzw. zeitlich verzerrte Wahrnehmungen verbunden sind. (APA)