Dicke Luft herrscht derzeit bei RTL und dem kleinen Bruder RTL II, der nicht gehorchen will. Dabei sind die Österreicher Zeiler (RTL) und Andorfer (RTL II) alte Weggefährten. Mitte der neunziger Jahre prägten die zwei - Zeiler als Generalindentant und Andorfer als stellvertretender Programmintendant - den ORF. Andorfer wechselte im August 1997 zu RTL II nach München. Sein Ex-Chef Zeiler verantwortet seit November 1998 die Geschäfte beim großen Bruder in Köln. Ein Traum-Duo, das die Integration der Senderfamilie RTL Group im Verbund mit Vox und Super RTL bewerkstelligen sollte. Doch Andorfer ging plötzlich seinen eigenen Weg. Als RTL von seinem Erstzugriffsrecht auf die Real-Life-Soap "Big Brother" keinen Gebrauch machte, verhalf Andorfer dem kleinen Sender RTL II mit dem viel diskutierten Format zu einem Quotensprung. Andorfer war nicht mehr zu halten und platzierte eine Real-Life-Soap nach der anderen bei seinem Sender. Bald aber prallten die Interessen aufeinander. "Big Brother - die Entscheidung", die quotenstarke Wochenendshow, musste auf Geheiß der Gesellschafter bei RTL ausgestrahlt werden. RTL strahlte Ende 2000 kurz vor RTL II das Format "Die Band" aus, mit der der Sender zwar Schiffbruch erlitt, aber RTL II ärgerte. Der Münchner Sender begann wenig später mit den "Popstars" und hatte damit mehr Erfolg als RTL. Das "House of Love" (RTL) durchkreuzte RTL-II-Absichten, "House of Hearts" zu senden. RTL II revanchierte sich wiederum mit dem missglückten Schnellschuss "To Club", der das geplante RTL-Format "Die Bar" überflüssig machte. In der TV-Branche wird gemunkelt, dass Andorfer, der erst im April 2000 seinen Vertrag um fünf Jahre verlängerte, nur noch wenige Freunde unter seinen Gesellschaftern hat. Alle hadern mit dem raschen Verfall der Quoten - die Marktanteile fielen im Februar auf ein Tief von 3,9 Prozent zurück. Auch unter den jüngeren Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren schwindet die Resonanz. Der Vorjahresgewinn von 100 Millionen Mark (51,1 Mill. Euro/704 Mill. S) steht auf dem Spiel. Sowohl die RTL-Gruppe, die 35,9 Prozent am Sender hält, der Bauer Verlag (31,5 Prozent), Tele München (31,5 Prozent) und der Burda Verlag (1,1 Prozent) beobachten den Sender mit Argwohn. Besonders aus dem Hause Bertelsmann - so ist häufiger zu hören - wird der vor wenigen Monaten noch im Zenit seiner Macht stehende Geschäftsführer Andorfer torpediert. Dahinter könnte das Interesse der RTL-Gruppe stehen, ihren Zugriff auf RTL II mit dem Erwerb weiterer Anteile zu erhöhen - diese Absicht wird offiziell dementiert. Auch der mangelnde Platz bei RTL II, alte RTL-Produktionen zu wiederholen, ist der RTL-Gruppe ein Dorn im Auge. Doch Andorfer beharrt weiter auf dem "Real Life": Am 27. Mai soll die Show "Big Diet" starten. (APA)