Es ist eine Milchmädchenrechnung, auch wenn's um Wasser geht: Soundsoviele Milliarden Kubikmeter Wasser fließen jährlich die Donau, Drau, Mur oder Rhein abwärts und aus Österreich ab; sozusagen den Bach hinunter. Da könnte man doch zuvor ein paar Milliarden in den Staatssäckel rinnen lassen. "Wasser verkaufen ja, aber die Wertschöpfung muss in Österreich bleiben!" Und: "Es darf keinen Ausverkauf der Verantwortung für österreichisches Wasser geben!" - So die warnenden Kernsätze Hans Zojers, des Leiters des Instituts für Hydrogeologie und Geothermie (IHG) und Professors an der Universität Graz. Sein Geschäft ist nicht die Politik, sondern die Erforschung der unterirdischen Wasserressourcen im Land. Ursprünglich verdankt sich die Gründung des zum Joanneum Research gehörenden IHG der ersten Energiekrise; damals ging man der Frage nach, wie sich die reichen thermischen Wasserressourcen im Südosten des Bundesgebiets nützen ließen. Die Erdkruste ist dort vergleichsweise dünn, alle 20 m in die Tiefe steigt die Temperatur etwa um 1° C an. Als dann vor über zehn Jahren die Alarmglocken läuteten, weil unter anderem auch im Leibnizer Feld die Nitratwerte im Grundwasser so hoch kletterten, dass die Trinkwasserversorgung für rund 40.000 Personen gefährdet war, wurde das IHG "eingeschaltet". Eine Gesetzeslücke, sagt Hans Zojer: Man habe den Schweinezüchtern zwar eine entsprechende Hektargröße in Relation zum Tierbestand vorgeschrieben, aber nicht, wo die (Wiesen-)Flächen zu liegen hätten. Man kann sich ausmalen, was dann geschah. Die Gülle jedenfalls wurde nicht auf die weit verstreuten Flächen verbracht, sondern bloß dort, wo man tatsächlich die Schweine hielt. Den Rest besorgten unter anderem die Schotterbarone, die durch den Abbau von Kies das seichte Grundwasser an vielen Stellen freilegten und so dessen Infiltration begünstigten. Dank der Erforschung des IHG und entsprechender Maßnahmen konnte der Nitratwert im Grundwasser unter den Bedenklichkeitsrichtwert von 50 mg Nitrat wieder gesenkt werden. Ein anderes Gebiet, in dem das Team um Hans Zojer schon seit Jahren im Einsatz ist, betrifft spezielle Bereiche des Tiefbaus, nämlich Bergwerks- und Tunnelbau. Denn erstens: "Nicht jedes Gestein kann Wasser in gleicher Weise speichern" und zweitens: "Die oberirdischen und unterirdischen Wasserläufe passen nie zusammen." Ein ganzes Bündel spezifischer Fachrichtungen sei nötig, um Modelle zur exakten Erfassung der Speicher und Verläufe des "flexiblen Elements" zu entwickeln und Prognosen zu erstellen: von der Hydrogeochemie (zur Feststellung von Gesteinsparametern) über die Isotopenhydrologie (zur Bestimmung von Alter bzw. der Höhe des Einzugsgebiets) bis hin zur Geomorphologie (zur Erfassung der Genese von Landschaftsformen). Erstaunlich, aber wahr: Bis dato gebe es noch keine realistischen Zahlen bezüglich der Erfassung der Wasserressourcen für das gesamte Bundesgebiet, also verlässliche Zahlen darüber, wie viel an Wasser sich jährlich neu bildet und wie viel nutzbar wäre. Unter großem zeitlichem und politischem Druck soll allerdings bis Sommer eine entsprechende Studie fertig werden. Die knapp 35 Mitarbeiter des IHG stöhnen leise. Aber "ich glaube, es ist wichtig, das Wassermanagement in Österreich auf eine neue Basis zu stellen", wie Hans Zojer es ausdrückt. Schließlich gibt es auch im an Wasser so reichen Österreich beträchtliche Trockengebiete. Es ist nicht ungewöhnlich, dass im Steinernen Meer 3000 mm Niederschlag fällt, in Fürstenfeld dagegen nur 600 mm. Das ist aber nur ein Aspekt. Der andere sind die Privatisierungswünsche der Regierung, und damit wären wir wieder bei der eingangs erwähnten Milchmädchenrechnung. Der Verkauf und die Verbringung (per Pipeline etwa) großer Mengen Wassers ins Ausland ist unrealistisch. Von unseren Nachbarstaaten hat nur Ungarn Mangel, verfügt aber kaum über die Geldmittel, um einen Wassertransfer im großen Stil zu finanzieren. Bleibt eine andere Gefahr: der Verkauf von Wassernutzungsrechten etwa an große französische Aufbereitungsfirmen. Die Aufbereitung von flussnahem Grundwasser ist nämlich äußerst lukrativ, während die Erhaltung der hohen Trinkwasserqualität (dank natürlicher Quellen!) den Staat rund vier Milliarden Schilling kostet. Apropos: Das IHG hat einen Umsatz von 40 Millionen Schilling, davon an die 80 Prozent aus selbst aquirierten Projekten. Der Rest kommt von Bund und Land in Form von Aufträgen. Luxus wird keiner betrieben, mit einer Ausnahme - und die kommt ein paar Studierenden zugute: Sie können hier, als Halbtagsbeschäftigte, ihre Dissertation schreiben. Sonst wird gespart, selbst beim Informationsmaterial. Immerhin gibt's die Homepage des Joanneum. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 6.3.2001)