Eigentlich ist es ja nur eine Formalität, wenn im Verlauf dieses Jahres Michael Hardie Boys von seinem Posten als Generalgouverneur von Neuseeland zurücktritt und das Amt an Silvia Cartwright abgibt. Es macht Sinn, dass der höchste Posten des Landes von einer Frau gehalten wird, denn schließlich vertritt sie eine Frau: Königin Elisabeth II ist auch Staatsoberhaupt von Neuseeland. Trotzdem sorgt Cartwright's Ernennung für eine gewisse Aufregung. Denn die Amtseinsetzung ist das jüngste Beispiel für eine schleichende Revolution in Neuseeland: die "Feminisierung" der Macht.

Ob in der Politik, der Justiz oder der Wirtschaft - überall nehmen die Frauen das Ruder in die Hand. Premierministerin Helen Clark hatten die "Kiwis", wie sich die Neuseeländer nennen, vor etwas über einem Jahr die Geschicke des Landes übertragen. Die Labour-Frau löste Jenny Shipley ab, das erste weibliche Regierungsoberhaupt Neuseelands. Sian Elias ist oberste Richterin Neuseelands, Margaret Wilson bekleidet das Amt der Oberstaatsanwältin, Christine Fletcher ist Bürgermeisterin der Stadt Auckland. Und die größte Firma des Landes, Telecom New Zealand, wird von Theresa Gattung geführt.
Für die Rechtsprofessorin Jane Kelsey von der Universität Auckland hat die wachsende Dominanz der Frauen eine Vielzahl von Gründen. Zum einen können Neuseeländerinnen trotz der Dominanz der Männer schon über ein Jahrhundert lang politisch mitreden. Sie erhielten bereits 1893 das Stimmrecht, viele Jahrzehnte vor den meisten europäischen Frauen.

Kostenlose Ausbildung

Vor allem aber sei es die kostenlose Ausbildung, die Neuseeländerinnen und Neuseeländer bis in die frühen Achtzigerjahre genossen hatten und zur Schaffung einer "Generation von fähigen Frauen" geführt habe. Auch die Geschichte des Landes könnte einen Einfluss gehabt haben, analysiert Kelsey. So hätten sich die ersten Frauen in der abgelegenen britischen Kolonie im frühen 19. Jahrhundert nicht nur gegen eine äußerst harte Umwelt, sondern auch gegen eine Überzahl von Männern durchsetzen müssen. Außerdem seien die Frauen der Maori, der Urbewohner des Inselstaates, sehr stark und aggressiv.
Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass zwar die neuseeländische Machtstruktur "feminisiert" wird, die betroffenen Frauen aber wenig von dem Verhalten an den Tag legen, was man generell als "feminin" bezeichnen würde. Helen Clark etwa führe Regierungskabinett und Partei "als Diktatorin mit eiserner Faust", erklärt Jane Kelsey. Auch die Brutalität, mit der Jenny Shipley ihren Vorgänger Jim Bolger aus dem Amt des Premierministers gestoßen hatte, zeugt von einer Machtbesessenheit, die der eines männlichen Politikers um nichts nachsteht. In der Geschäftswelt gelten für neuseeländische Frauen ebenfalls keine besonderen Verhaltensregeln. Telecom-Chefin Theresa Gattung scheut vor nichts zurück, um nach Australien expandieren zu können, und hat dem Chef der dortigen Telekommunikationsfirma Telstra einen Krieg um die Marktanteile angesagt.
Die Frauenrechtlerin Jane Kelsey begrüßt den wachsenden Einfluss der Frauen zwar, warnt aber gleichzeitig vor zu großen Hoffnungen. "Man sollte nicht glauben, dass sich Frauen in Machtpositionen vermehrt für Frauen einsetzen. Ganz und gar nicht."

Die Entwicklung habe bisher kaum etwas am Schicksal der meisten Frauen geändert. Die typische Neuseeländerin sei "nach wie vor eine unterbezahlte Arbeiterin und Mutter". (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 9. 3. 2001)