Washington - Bill Clinton wäre zu gern noch in den kommunistischen Norden Koreas gereist. Bis zuletzt hatte er vor dem Abschied aus dem Weißen Haus gehofft, das bedrohliche Raketenprogramm Pjöngjangs stoppen zu können. George W. Bush hingegen hat es keineswegs eilig. Der neue US-Präsident machte dem nach Ausgleich strebenden südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung am Mittwoch mit brutaler Deutlichkeit klar, dass er eine schnelle Wiederaufnahme des Dialogs über ein Ende des Raketenprogramms nicht will. Selten werden bei einem Spitzentreffen von Staatsmännern so oft die Worte "freimütig", "offen" oder "aufrichtig" benutzt, wie es bei diesem ersten Zusammentreffen Bushs mit Kim in Washington geschah. Es sind allesamt diplomatische Umschreibungen für einen starken Gegensatz. Das höfliche Auftreten Kims konnte nach dem Eindruck von Beobachtern nicht verbergen, dass Südkoreas Staatschef auf mehr gehofft hatte als eine allgemein gehaltene Unterstützung des koreanischen Versöhnungsprozesses. Politik mit Südkorea "synchronisieren" Nach einer früheren Ankündigung von US-Außenminister Colin Powell war dieser Verlauf nicht unbedingt erwartet worden. Washington wolle seine Politik mit Südkorea "synchronisieren", hatte Powell gesagt. Seoul habe dabei die Führung. Und: "Wir wollen dort weitermachen, wo Präsident Clinton und seine Administration aufhörten". Einige "vielversprechende Elemente" lägen auf dem Tisch. Aufgabe des Raketenprogramms Clinton stand bei seinem Ausscheiden am 20. Jänner kurz vor einer Grundsatzvereinbarung über die Aufgabe des Raketenprogramms. Dann reichten die Zusicherungen der Nordkoreaner aber nicht ganz, um Clinton zur ersten Reise eines US-Präsidenten in den Norden seit der Teilung des Landes nach dem Koreakrieg (1950-1953) zu bewegen. Bush traut den Machthabern in Nordkorea nicht. Es gebe keine Transparenz, keine Überprüfbarkeit von Abmachungen. Der Raketendialog hänge von "völliger Klarheit über die Bedingungen einer potenziellen Vereinbarung" ab, forderte Bush. Erst einmal gebe es eine Bestandsaufnahme. Die hatte, noch für Clinton, bereits der frühere Verteidigungsminister William Perry angefertigt. Die Regierung des Bush-Vorgängers hatte seit dem Abschluss einer Vereinbarung über die Einstellung des nordkoreanischen Nuklearprogramms im Oktober 1994 einen geduldigen Kurs des Ausgleichs gesteuert. Außenministerin Madeleine Albright hatte Pjöngjang im Oktober 2000 einen historischen Besuch abgestattet. Andere Staaten wurden von Washington ermuntert, das Verhältnis mit Nordkorea zu normalisieren. Deutschland nahm am 1. März diplomatische Beziehungen auf. Nach dem Treffen Bush-Kim musste sich das Weiße Haus der Frage erwehren, ob das zögernde Vorgehen womöglich etwas damit zu tun habe, dass Nordkorea als Alibi für die umstrittene geplante Raketenabwehr herhalten müsse. Vor "Schurkenstaaten" wie diesem soll das Schild schützen. Das Feindbild könnte Schaden nehmen, wenn die Bedrohung mit politischen Mitteln beseitigt würde. Darüber habe es überhaupt keine Diskussionen gegeben, versicherte ein hoher Beamter. Andererseits hat aber Kim die Raketenabwehrpläne nicht unterstützt, sondern nur "Konsultationen darüber". Kim äußerte vielmehr die Hoffnung, dass die Raketenfrage politisch gelöst werden wird. Akzentverschiebung Regierungsmitglieder strampelten auch kräftig, um den Eindruck eines Gegensatzes in der Nordkorea-Politik zwischen dem Weißen Haus und dem Außenministerium unter Powell zu zerstreuen. Bush und sein Außenminister sprechen nach ihrer Darstellung mit unterschiedlichen Worten dieselbe Sprache. Powell beteuerte am Mittwoch, von der sofortigen Aufnahme von Verhandlungen sei nicht die Rede gewesen. An der "Natur" des Regimes in Pjöngjang bestehe kein Zweifel. Doch der Beamte des Weißen Hauses stellte ganz klar: "Wir werden nicht an der selben Stelle starten, wo die Clinton-Regierung aufhörte." Es könnte also durchaus eine Akzentverschiebung geben. Der Präsident wolle zwar die Raketenfrage nicht "tief einfrieren". Aber er hat nach Angaben seiner Mitarbeiter ein Interesse an einer Verringerung der riesigen konventionellen Streitkräfte des Nordens. (APA)