Stockholm - Alle Jahre wieder zum Weltfrauentag schauen Feministinnen mit unverhohlenem Neid auf ihre Geschlechtsgenossinnen in Skandinavien - schließlich ist die Gleichberechtigung von Frau und Mann in Norwegen, Schweden oder Finnland weiter gediehen als irgendwo sonst auf der Welt. Doch nach Ansicht der schwedischen Frauenrechtlerin Ylva Schmidt ist der Kampf noch lange nicht vorbei. "Wir sind schon weit gekommen, haben aber auch noch viel vor uns, vor allem in der Geschäftswelt", sagt Schmidt. Auf den ersten Blick sind die Errungenschaften der skandinavischen Frauenrechtsgruppen beeindruckend. In Schweden, wo Frauen seit Jahrzehnten im Arbeitsleben mitmischen, sind mehr als drei Viertel des "schwachen Geschlechts" berufstätig. Von den 20 Ministerien in Stockholm werden elf von Frauen geleitet, unter anderem hat Schweden eine Außenministerin und eine stellvertretende Regierungschefin. 44 Prozent der Parlamentsabgeordneten sind weiblich. Finnland hat seit dem vergangenen Jahr mit Tarja Halonen eine Präsidentin, nachdem in Island Vidgis Finnbogadottir 1980 als erste Frau ins höchste Staatsamt gewählt worden war. Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island waren unter den ersten Staaten weltweit, in denen Frauen das Wahlrecht erhielten. Heute haben alle skandinavischen Staaten die Gleichberechtigung in Verfassung und Gesetzen verankert. Im Berufsleben kommen Schwedinnen, Däninnen und Norwegerinnen in den Genuss von Rechten und Sozialprogrammen, von denen Frauen im Rest der Welt nur träumen können: Nach der Geburt eines Kindes können sie mindestens zwölf Monate Auszeit nehmen - bei 80 Prozent Gehalt. Auch danach machen umfangreiche Betreuungsangebote für Kinder den Wiedereinstieg in die Karriere leicht. Auf den zweiten Blick haben Frauen noch lange nicht so viel Geld, Freizeit oder Einfluss wie die Männer. Schmidt zufolge erhalten Frauen noch immer für die gleiche Arbeit weniger Lohn als Männer, weiterhin sind sie in den obersten Etagen krass unterrepräsentiert, noch immer arbeiten viele von ihnen in Teilzeit-Jobs. Verhalten der Männer muss sich ändern Obwohl nach der Geburt eines Kindes der Vater genauso wie die Mutter Anspruch auf zwölf Monate Urlaub hat, bleiben eher die Mütter zuhause, weil ihre Gehälter normalerweise niedriger sind. Im Arbeitsleben müssen Frauen dann häufig einen Karriereknick hinnehmen, oder sie arbeiten jahrelang am Rande der Erschöpfung, wenn zur Belastung zuhause eine Vollzeitarbeit hinzukommt. "Frauen erledigen noch immer den Großteil der Hausarbeit, sollen Karriere machen und organisieren nebenher noch das gesellschaftliche Leben der Familie", so Schmidt. In Familien mit berufstätigen Müttern erledigten diese durchschnittlich 16 Stunden Hausarbeit die Woche - die Väter fünf. In der schwedischen Wirtschaft sind lediglich 17 Prozent der Management-Posten von Frauen besetzt. Dafür sind 95 Prozent des Pflegepersonals weiblich - gegenüber 97 Prozent Männeranteil im wesentlich besser bezahlten Ingenieursberuf. "Frauen stoßen in der Berufswelt inzwischen auf Hindernisse, von deren Existenz sie gar nichts wußten, wie beispielsweise unsichtbare Beförderungshürden, an der ihre Karriere einfach aufhört, oder Altherrenclubs", betont Schmidt. Jetzt gehe es darum, bei den Männern Verständnis zu wecken und ihr Verhalten zu ändern: "Alleine können wir Frauen die Gleichberechtigung nicht erreichen." (APA)