Wien - In seinem Flüchtlingsfilmdrama Das Boot ist voll (1990) hat Markus Imhoof die Musik gänzlich schweigen lassen. Alles sollte mit filmischen Mitteln gelöst und ausgedrückt werden - die "Verführungskunst" der Klänge wurde absichtsvoll ausgeblendet. Die Bilder sollten als solche wirken. "Den Mut zur Musik hatte ich erst in meinen späteren Filmen", ist das diesbezügliche Statement des Schweizer Filmemachers. Der Mut muss bei Imhoof grundsätzlich über die Jahre ziemlich zugenommen haben. Schließlich widmet sich Imhoof nun seit längerem einer Kunstform, in der Schauspiel und Ton verschmelzen und die Abhängigkeit beider Mittel auch dem Regisseur ein Ausweichen und Wegblenden der Töne unmöglich macht - willkommen bei der Oper! Garantiertes Minimum Die Bühnenarbeit helfe ihm, sagte er einmal, unabhängig zu bleiben. Beim Filmemachen. Theater und Oper garantierten ihm gleichsam ein Existenzminimum. Wobei davon auszugehen sein wird, dass auch ein gewisser Spaßfaktor dabei ist - ansonsten wäre auch der achtwöchige Aufenthalt an der Wiener Volksoper zweck Inszenierung von Mozarts Entführung aus dem Serail (Premiere heute) schwer erträglich gewesen. Wobei Spaß wohl auch einer der Genreabwechslung sein dürfte: "Zurzeit habe ich wieder einen Film im Kopf, aber das dauert ja doch einige Zeit, bis man sich wirklich einem Abschluss nähert. Ein Jahr Drehbuch schreiben, ein Jahr Geld suchen und ein Jahr Film machen. Vorausgesetzt, alles läuft gut." Was dann entsteht, pickt. Ist irgendwie doch fertig. Eine Operninszenierung hingegen, "das ist doch eine verwelkende Blume. Wobei das ja auch seinen Reiz hat", sagt Imhoof. So schnell darf sie dann aber auch nicht verwelken: "Oper ist live, und ich muss mich von einem bestimmten Zeitpunkt an zurückziehen und den anderen alles übergeben. Beim Film kann ich viel mehr manipulieren. Es entsteht bei der Oper ja eine eigene Dynamik auf der Bühne, die, wenn ich genau gearbeitet habe, den Sängern auch viel Sicherheiten bietet. Was ich mache, muss also auch halten! Es gibt ja die Wiederholbarkeit." Film sei übrigens wie ein Kurzstreckenlauf: "Da muss ich täglich zweieinhalb Minuten Premiere schaffen. Oper baut sich eher langsam auf, ist ein Langstreckenlauf", meint Imhoof. Mozart? "Nicht so harmlos, wie man meinen möchte." Bei seiner Entführung wird Imhoof im abstrakten Raum Welten aufeinander prallen lassen; auch "um die Sehnsucht nach dem Fremden in uns geht es". Ihn interessiert auch die Beziehung von Bassa Selim zu Konstanze. Er ist ein erotisch ernstzunehmender Jüngling, sie gar nicht so desinteressiert. "Wie viele Scheidungen gibt es eigentlich in Österreich?", fragt Imhoof ganz zufällig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 3. 2001)