Ängstlich weicht das kleine Mädchen mit starr in die Kamera gerichtetem Blick zurück. Kauert vor einer gnadenlos weißen Wand - und plötzlich: Schüchternes Lächeln. Erst der Gegenschuss zu diesem zuerst so beklemmend wirkenden Anfangsbild von Michael Hanekes Code inconnu klärt auf: Wir befinden uns in einer Schule für taubstumme Kinder, bei einem ganz harmlosen Ratespiel. Möglicherweise. Dies ist nur eine von vielen Sequenzen, in denen der österreichische Regisseur seinen (nach Funny Games , 1997) zweiten Wettbewerbsbeitrag in Cannes zu einer Lektion in Sachen Unübersichtlichkeit werden lässt: Wie verhält sich das Kino zu einer zunehmend komplexen (Medien-)Gesellschaft? Und wie gibt es selbst, bewusst oder unfreiwillig, nur fragmentarisch Reize und Eindrücke wieder, die dem mehrdeutigen Ganzen allzu eindeutig Interpretationen aufpfropfen? Haneke, in dessen Filmen die latente Überforderung schon oft zu gewalttätigen Ausbrüchen führte, gestaltet Code inconnu diesmal aber zu einem fast schon ironisch leichten Spiel mit Brüchen filmischer und fotografischer Strategien. Ein Video-Interview, in dem Juliette Binoche grausam terrorisiert wird, erweist sich schnell als Ausschnitt aus Proben zu einem Kinothriller. Und auch die fulminant gefilmte und inszenierte erste Plansequenz führt - über filmische Schwarzstellen hinweg - zu unerwarteten Konsequenzen. Ein junger Mann wirft da in Paris einer Bettlerin achtlos ein Stück Papier in den Schoß. Ein afrikanischer Passant fordert ihn auf, sich zu entschuldigen. Die nachfolgende Rauferei schadet vor allem der rumänischen Frau, die in ihre Heimat deportiert wird. Neue Sanftheit Früher setzte Haneke bei Zufalls-Kollisionen verstärkt auf starke Kettenreaktionen: In 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls stellte er die Koinzidenzen des Alltags etwa noch in den Schatten eines unausweichlich nahenden Amoklaufs. Code inconnu verhält sich zu diesen filmischen Sprengsätzen eher wie ein ganz zart geschütteltes Gefäß, in dem sich die Ingredienzien nur sekundenlang berühren, aber nie vermengen. Noch etwas unterscheidet diesen Film von den früheren Arbeiten: Haneke, der Kulturpessimist erging sich - zuletzt etwa in Funny Games - oft in Querschlägen gegen "gefährliche" neue Medienprodukte. Hier übt er sich endlich in Gelassenheit - nicht ohne lakonische Verweise auf sein bisheriges Schaffen, in denen er Kritikern die Frage entgegenhält, ob nicht ohnehin das Nichtgezeigte auch in seinen Arbeiten immer wichtiger sei, als die Konstruiertheit des Gezeigten. Wobei Haneke in seiner ersten französischen Produktion grandios schlichte Bilder findet. Ein Höhepunkt: Ekstatische Trommelwirbel der Taubstummen, auf die fast unhörbar ein "pantomimischer" Applaus folgt.
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Dennoch: Auch Code inconnu schied in Cannes die Geister. Ostentative Buhrufe und ebenso demonstrativer Applaus nach der ersten Pressevorführung spiegelten die zwiespältige Aufnahme des Films wieder. Und auch mit seinen Äußerungen zur österreichisch-europäischen Gegenwart (vom Mai 2000, Anm.) stieß Haneke nicht unbedingt auf ungeteilte Zustimmung. Die Sanktionen der 14 nützten vor allem Haider, so der Regisseur bereits in einem Interview mit dem Nouvel Observateur . Und: Natürlich werde auch er in Österreich viel attackiert. Aber er empfinde das als Ehre. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 5. 2000)