Wien - Die von der Regierung verkündete Bildungs- und Forschungsoffensive ist nach Ansicht des Grünen Bundessprechers Alexander Van der Bellen nicht viel mehr als eine Phrase. "Es gibt diesen Schwerpunkt nicht, die Bundesregierung scheint vielmehr der Ansicht zu sein, dass es sich bei Bildung und Wissenschaft um eine parasitäre Orchidee handelt, die man beliebig zurückstutzen kann", begründete Van der Bellen am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien die von den Grünen geforderte Sondersitzung des Nationalrats am kommenden Montag. Würde im kommenden Jahr der gleiche Anteil am Bruttoinlandsprodukt wie 1993 für den Schulbereich ausgegeben, fehlten zwölf Mrd. S. Denn 1993 wurden noch 2,9 Prozent des BIP für die Schulen aufgewendet, 2002 werden es 2,5 Prozent sein. Bei den Universitäten beträgt die Lücke nach der Berechnung der Grünen sechs Mrd. S: 1993 betrug der Anteil der Uni-Ausgaben am BIP noch 0,94 Prozent, 2002 werden es 0,74 Prozent sein. "Daran sieht man die nachlassende Bedeutung, die die Regierung diesen Zukunftsbereichen zumisst", sagte Van der Bellen. Bei den Universitätslehrern seien die Personalaufwendungen von 2001 auf 2002 eingefroren worden, obwohl der Struktureffekt, also Gehaltserhöhungen und Biennalsprünge, 4,5 Prozent betrage. Dadurch entstehe eine Lücke in der Höhe zwischen 420 bis 470 Mill. S. Die Unis hätten nun die Wahl, entweder freie Planstellen nicht wieder zu besetzen oder Gehaltskürzungen vorzunehmen. "Das alleine klärt schon, warum es an den Unis so gärt", meinte der Grüne Bundessprecher, der "vollstes Verständnis" dafür hat, dass die Uni-Lehrer gegen diese Maßnahmen protestieren wollen. "Gleichgültigkeit und auch Unwissenheit" bei der Regierung Die selbe Situation gebe es bei den Pflichtschulen, wo nach Ansicht Van der Bellens zwischen 2001 und 2002 beim Personalaufwand eine Lücke in der Höhe von 2,0 bis 2,5 Mrd. S klafft. Das seien 4.000 bis 4.500 Stellen. Die Schulen stünden nun vor der Wahl, diese Lücke durch eine Stellenkürzung oder durch eine Gehaltskürzung abzufangen. "Und genau das wird derzeit von der Gewerkschaft verhandelt, eine Gehaltskürzung, damit der Stellenabbau nicht so drastisch ausfällt", so Van der Bellen. Durch diese Situation stünden die Volksschulen derzeit bei der Einschreibung von Schulanfängern vor der prekären Lage, dass sie nicht wissen, was sie im Herbst anbieten können. Verantwortlich für diese Situation sei Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V), aber auch der Finanzminister, der Bundeskanzler und die Vizekanzlerin, meinte Van der Bellen und ortet seitens der Regierung "Gleichgültigkeit und auch Unwissenheit", etwa über die spezielle Situation an den Wiener Schulen. In Wien würden über 50 Prozent aller Kinder in Österreich mit nichtdeutscher Muttersprache leben. Es gebe hier die Chance, eine dreisprachige Generation heranzubilden, was auch enorme wirtschaftliche Vorteile hätte. Doch das nehme die Regierung nicht wahr. Sollten Zusatzangebote wie der muttersprachliche Zusatzunterricht eingeschränkt werden, "nimmt die Regierung in Kauf, in Zukunft den Hilfsarbeiteranteil zu erhöhen". Außerdem müsse die Regierung, "wenn sie sich ernst nimmt", davon ausgehen, dass sich durch das Kindergeld in sechs Jahren die Schülerzahl erhöhen werde. (APA)