Vor einer Woche traf ich eine Freundin zum Abendessen in Berlin. Das Lokal hieß „Lenzing“. Der Koch von Honegger kocht da und wir aßen Salat Milwaukee und Burger New York Style. Diese Berliner Freundin ist 45 Jahre alt. Sie ist eine sehr attraktive Person. Modisch. Sie hat lange in den USA gearbeitet. Sie hat Karriere gemacht. Wir redeten und redeten. Und kurz vor Mitternacht fiel er dann doch. Dieser Satz. „Aber entschuldige bitte. Und versteh mich bitte nicht falsch. Aber. Ich bin keine Feministin. Ich habe das nie gebraucht.“ Nun bin ich diesem Satz gegenüber sehr geduldig geworden. Mittlerweile. Nur. Ich verstehe es keineswegs falsch. Im Gegenteil. Ich verstehe es ganz richtig. Die Sprecherin dieses Satzes grenzt sich ab. Zuerst einmal von mir. In diesem Fall. Von mir als Frau, die das gebraucht hat. Braucht. Feminismus als Krücke, an der sie so entlangtaumeln. Und in ihrem abschätzig vorwurfsvollen Ton klingt es auch noch so, als wäre Feminismus ein fieser Schleichweg zur Macht. Als wäre Feminismus eine Möglichkeit, hinterrücks die Macht an sich zu reißen und dann tatsächlich auszuüben. Weibliche Tücke. Also. Die Sprecherin dieses Satzes betrachtet sich selbst als „zufällige“ Frau. Sie betrachtet ihr Frau Sein als zufälliges Attribut ihres Mensch Seins. Sie sieht alle Menschen zuerst als Menschen, sagt sie, und dann als geschlechtlich definierte Personen. Und. Eine solche Sicht wäre wunderbar und das Ziel, wenn das Projekt der Emanzipation abgeschlossen wäre. Was aber nicht der Fall ist. Wir sind immer noch bei den Vorarbeiten zu diesem Projekt. Und die Tatsache, dass wir nur noch ein Drittel weniger verdienen als die Männer - Diese Freundin hat übrigens auch einen schlechteren Vertrag als ihr Vorgänger - , das ist ja nur eine der Realitäten, in denen es genau umgekehrt zugeht. Frau wird zuerst als Frau gesehen und dann als Mensch. Und diese Sicht. Die führt zu schlechteren Bedingungen und nicht zu seliger Gleichheit, wie die Berliner Freundin sich das so her argumentiert. Und mit dem Satz „Ich habe das nie gebraucht“ schiebt sie die Jahrtausende der quantitativen Ungleichheit der Frau seit der Antike beiseite. All die Zeiten, in denen die Frau ein minderwertiger Mann war und der Mann immer besser war und alles besser machte. Zeiten, deren Schatten weit hereinreichen in unsere Leben. Sie schiebt die Zeiten der qualitativen Ungleichheit der Frau der Moderne weg, in der die Frau die Ergänzung zum Mann wird. Das Andere. Immer ging die Gewalt der Definition vom Männlichen aus und ist weiterhin Alltag der Sitzungszimmer, in denen über uns entschieden wird. Und. In diesem Wegschieben der Geschichtlichkeit kann ich solche Sätze dann nicht entschuldigen. Feminismus. Das bedeutet für mich Parteilichkeit für Frauen und Mädchen. Es gelang schließlich nur mit dieser Parteilichkeit die Geschichte der Frau und damit ihre geschichtliche Existenz überhaupt einmal sichtbar zu machen. In der Geschichtsschreibung der Sieger war die Frau als Unbeschriebene beschrieben. Existierte als Nicht Gesagte und darin dann Nicht Zu Sagende. Existenz, die in einem selbstverständlich Nicht Gesagtem stattfindet, kann keine Rechte für sich beanspruchen. Eine solche Existenz kann ihre Pflichten grandios erfüllen. Ihre Rechte kann sie nicht einfordern. Die Rechte können von den Beschriebenen, den Siegern zugelassen werden. Rechtlose können nur Geschenke bekommen. Gewährung ist das. Und genau dorthin kehrt meine Freundin mit diesem „Ich habe das nie gebraucht“ zurück. Natürlich stehen wir heute anderen Siegern gegenüber als vor 100 oder 200 Jahren, die die Rechte dann gewähren. Gönnerhafter ist das heute. Die Sportskameradin wird dafür beglückwünscht, dass sie es auch geschafft hat. Aber das „auch“ wird immer die Barriere sein. Führte frau diese Diskussion um dieses „Ich habe das nie gebraucht“ weiter, am Ende käme die Behauptung heraus, es gäbe die Kategorie Geschlecht gar nicht. Das dann zufällig nicht Männliche drückte sich dann nur noch in der schicken senfgoldfarbenen Lederjacke aus. In einer reinen Äußerlichkeit also, der mit Mode beizukommen ist. Der Papst könnte sich dieser Meinung auch ohne Probleme anschließen. Der Papst ist auch für das ersatzlose Streichen des Begriffs „Gender“. Für den Vatikan maskiert sich dahinter Homosexualität. Und igittigitt. Obwohl. Das ist dann auch nur eine weitere Abweichung von der heterosexuellen Matrix mit oszillierenden Ungleichheiten von Mann und Frau. Einmal quantitativ. Einmal qualitativ. Wie es die jeweiligen Kulturen halt so konstruieren. In der Geschlechterpolitik finden Kriterien der Befreiungstheologie Anwendung, zur Erhaltung des androzentrischen Weltbilds der katholischen Kirche. Postmoderne auch im Vatikan. Die Sorge meiner Freundin knapp vor Mitternacht doch noch mit dem Begriff Feminismus in Zusammenhang gebracht zu werden, die wird von ihr und anderen der girly-generation ja als Überwindung des Begriffs angesehen werden. Zumindest einmal die Behauptung einer Überwindung. Feminismus als erledigte Kategorie. Die Realität wird nachkommen. Lassen Sie mich an einem Beispiel untersuchen, wie weit das postfeministische Paradies gediehen ist und nun niemand wegen des Geschlechts abgewertet werden kann. Kein Mann. Keine Frau. Untersuchen wir, wie weit diese Kategorie abzuhaken ist. In seinem MacDonalds Werbespot benutzt Stefan Raab Hollywoods Geschlechterpolitik. In der Überzeichnung oder vielleicht ja auch nur in der Abbildung von Realität wird das Verhältnis Mann /Frau beschrieben. „Hier lesen die Frauen einem die Wünsche von den Augen ab.“ Es gibt da also nur Männer, deren Wünsche gelesen werden und Frauen, die lesen. Die feudale Umkehr. Der Mann passiv. Die Frau dienend aktiv. Ein bisschen dümmlich muss sie es dann auch noch machen. Die schöne junge Frau im hautengen Kleidchen mit dem vorgeschriebenen Dekolletee bis zum Nabel, die sich nicht wie Stefan Raab mit kompliziert rüschig fließendem Zwiebellook über einen Fettbauch und Speckhüften hinweg schwindeln darf. Sie liest also. Sie liest richtig. Und sie liefert prompt. Das idealtypisch brave Töchterchen. Weil die bösen Buben auch ein Recht auf Emanzipation haben in der Postmoderne, dürfen sie ihren Bösen Buben Sachen sagen. Damit werden die Bubenscherzchen wieder sagbar, weil sie gesagt werden können. Unterhaltung übt darin heute, wie schon immer, eine Überwindungsfunktion aus. Überwindung, aber zurück. Wären wir aber nun real in einer Welt, in der das alles zu sagen möglich wäre, weil jede und jeder die Information jederzeit auf eine von allen Vorurteilen freien Realität anwenden könnte. Der Scherz also ein Scherz bliebe und nicht bittere Realität in der Darstellung dieser Realität verbörge. Dann müsste die junge Frau selbst ins Wasser springen. Dann müsste sie strahlend lächelnd vorführen, wie das in diesem Hollywood einmal war. Historie. Die schöne, halbnackte junge Frau lächelt aber nicht strahlend. Sie muss sich überrascht kreischend um die Belohnung für ihr Wohlverhalten gebracht sehen. Der hässlich, fette und schnöde grinsende Stefan Raab stößt sie so irgendwie nebenbei in den Pool. Das ist Mann Sein in Hollywood. Die casting couch fällt einem ein. Und wie diese Armbewegung den Gedanken ausdrückt, dass sie es nicht anders verdienen. Die wollen das so. Die Girls. In diesem überheblich grinsenden Schubser in den Swimming Pool und dem Aufschrei dieser Frau ist die Nichtüberwindung der Kategorie Feminismus beschrieben. Es ist nur ganz einfach die Kategorie Ungleichheit weitergeschrieben in der Provokation. Das Spiel wird weiterhin mit unterschiedlichen Regeln gespielt. Es hätte ja genügt, Stefan Raab in den Pool zu stoßen. Aber das lässt die zimperliche Selbstverliebtheit postmachistischer Machos ja dann doch nicht zu. Im übrigen ist es in einer solchen postkritischen Unterhaltungswelt dann auch von einiger Logik, dass ein Tierarzt Frauenminister ist. Aber. Wenn wir schon bei der Unterhaltung als Text vermeintlicher Überwindung sind, dann lassen Sie mich an Hand der deutschen Eurovisionssongausscheidungssendung untersuchen, wie es so steht. Mit der Repräsentation der Geschlechter. Eine solche Sendung. Das ist ein wichtiger Text. Da geht es um Geld. Immerhin wird um Öffentliche Meinung angetreten. Das Publikum trifft die Wahl. Wie präsentieren sich da die Plattenfirmen, Musikmanager, Musiker, Musikerinnen, Sängerinnen, Sänger. Wie Politiker und Politikerinnen müssen sie ja alle versuchen, die Wahl für sich zu entscheiden. Jedes Detail des Auftritts ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Ist Berechnung des Publikumsgeschmacks. Und für wen wird diese Rechnung aufgehen. Dieser Fernsehabend beginnt zuerst einmal mit Rudi Carell. Eine Frau hat ihre Doktorarbeit über Rudi Carell geschrieben. Rudi Carell sagt dazu: “Ich mag Frauen. Ich kann eine Frau zur Ehefrau machen. Ich kann sie zur Mutter machen. Aber ihr zum Doktorat zu verhelfen. Das ist schon etwas besonderes auch für mich.“ Hier finden wir es wieder einmal vollkommen umgekehrt. Der Mann liefert den Stoff. Die Frau die Form. Der Mann ist das Beschriebene. Die Frau die Beschreibende. Trotzdem beansprucht der Mann die Zeugungskraft für sich. Er verhilft ihr zum Doktorat. Das war auch etwas besonderes für mich. Dann die Grand Prix Songs. 12 Teilnehmer. 9 mal Männer. 3 mal Frauen. Lassen Sie uns mit den Männern beginnen. Da kommen die „German Tenors“. 3 vollbäuchige Männer. Konventionell im dunklen Anzug und im Marschtakt. Sie können schmettern. Insgesamt sind sie der Typ stämmiger Nachbar in der Reihenhaussiedlung, mit dem sich ein Kompromiss aushandeln lässt, wann er seine Gesangsübungen machen kann und wann Ruhe sein soll. Gestandenen Männer halt. Mooshammer möchte dann, dass wir alle Freud und Leid teilen. Zu seinem roten Barockkostüm sollten, glaube ich, Seidenstrümpfchen gehören. Mooshammer verdeckt seine Beine und bringt uns damit um eine der erogenen Zonen eines Barockkostüms. Das elegante Männerbein ist nicht zu sehen. Dafür hat die lange Jacke viel Stoff erfordert. Mosi kann sich wegen des Umfangs auch nicht so schnell bewegen, dafür hüpft der Mann, der eigentlich singt, im Ritterkostüm herum. Im Hintergrund steht eine schlanke große Frau, die eine Weltkugel hochstemmen darf. Es ist Kinderfasching und der Bub geht als Prinz. Die Soultans sind 3 Profimusiker aus England und sonstwo. Durchtrainiert. Routiniert. Musiker. Gute Jungs im T-Shirt mit gut entwickeltem Bizeps. Jungs aus der Großstadtnachbarschaft. Unaufdringlich. Sie könnten in jeder Vorabendserie auftreten. Balloon ist eine Technonummer. Balloon ist noch umfänglicher als Mooshammer. Diese Männer verfallen offenkundig keiner Selbstzensur. Balloon ist auch als Ritter verkleidet. Oder soll das ein Gladiator sein. Er kann sich noch weniger als Mosi bewegen. Dafür müssen Tänzerinnen in Bikinis herumtoben. Am Ende schütten sie sich Kübel mit Wasser über die Busen. Der wet T-Shirt Wettbewerb. Ein Import aus der Fernsehserie „Eine schrecklich nette Familie“, in der Al Bundy nach solchen Anblicken lechzt. Balloon ist der Klassenschreck, der groß geworden ist und nichts abgenommen hat. Die Mädchen lächeln am Ende ein bisschen verlegen. Vielleicht war es aber auch nur die Kälte des Wassers. Die Frage, ob Balloon singen kann, muss nicht entschieden werden. Die Nummer läuft die ganze Zeit über Synthesizer. „Die Tagträumer“ zeigen sich im Vorfilm handtuchverhüllt am Schwimmbecken. “Wir sind Tagträumer. Wir sind eure Band.“ singen sie dann. Schwarz gekleidet. Der Fast-Sänger mit blonden halblangen Haaren ist ganz romantischer Liebhaber mit existentialistischem Touch. „Lass noch ein Tor für mich offen, dass ich dich jetzt noch nicht verlier.“ Die Tagträumer nehmen es passager. Aber weniger als die ewige Liebe will niemand in einem deutschen Schlager hören. Natürlich ist das „Jetzt noch nicht“ mehr für die holprige Melodie notwendig als dass es sich um Textabsicht handelt. Aber da hilft auch nichts mehr, dass er wissen will, was du fühlst. Das angesprochene Du mag sich auf eine kurze Beziehung nicht einstellen. Während des Songs darf eine Frau auf der Bühne Cello spielen. Die Burschen haben wir vorher schon im Vorfilm gesehen. Wer ist sie? Die Tagträumerin. Oder wollte man nur das Archilexem im Titel wegen der Wirkung. Wäre das korrektere „ Die Tagträumer und die Tagträumerin“ abschreckend? Illegal 2001 sind junge Männer. Aber diesmal keine Buben aus gutem Haus, die sich Tagträume und eine Tagträumerin leisten können. Jetzt kommen die Prolos. Dunkel gekleidet mit Bäckermütze. „Hat unser Schumi nen kleinen Penis, weil er so große Autos fährt. Können Frauen besser Auto fahren. Ich weiß es nicht.“ singt der Sprech-Sänger. „Wirkt Viagra auch bei Frauen. Kann man dem lieben Gott vertrauen.“ singt der Sprech-Sänger. Nein, denke ich. Und nein und nein. Der Moderator nennt das nachdenklich. „Doch leben tun wir alle auch ohne Studium. Dann weiß ich, dass ich nicht unbedeutend bin.“ singt der Sprech-Sänger. Gut für dich, denke ich und hole etwas zu trinken. Dann kommt Zlatko aus dem Container. Im weißen Papagalloschick. Im Vorfilm liest er noch schnell aus dem Hamlet-Monolog und kocht Spiegeleier zur Arie der Königin der Nacht. „Ich steh hier für euch, einer für alle und alle für mich. Einer für alle bin ich. Alle für einen, glaubt einfach an mich. Ich gebe alles für euch.“ Das ist nicht viel und vor allem nicht gesungen. Er hält die Heldenpose bis zum Schluss durch. Singen kann er auch dann noch nicht. Wolf Maahn ist mehr der Straßentyp. Mehr so der künstlerische Zuhälterei. Sicher ein ganzer Mann. In schwarzem Leder und ohne Stimme heißt es „Du bist der Zauber, der goldne Brücken schlägt.“ Und „Jump into better life“. Ja, wohin sonst, fragt frau sich. Vorher war von Kindern in Sarajevo die Rede. Kevin sagt uns dann gleich seine Größe. „Playing on my mind“ singt er in weißem Hemd und schwarzer Hose. Ganz der Chansonsänger, der an seinem Leben auch ein bisschen leidet. Eine Frau begleitet ihn am Klavier. 2 Hintergrundsängerinnen in Blümchenkleidchen. Aber sie können wenigstens singen. Auch Kevin meint es nicht ernst. Kevin will sich das angesungene Du nur vorstellen. „I can be anywhere and there you are again.“ Die phantasierte Frau. Das ist dann auch nicht abendfüllend und wie gesagt. Immer einen Halbton zu tief ist immer falsch. Die Frauen. Michelle ist die junge Frau mit der guten Figur und dem richtigen Make up. Sie trägt ein rosa Kleidchen. Auch hier das vorgeschriebene Dekolletee. Sie macht die elaborat geschminkten Augen während des ganzen Songs nicht auf. Sie kann ein bisschen singen. Jedenfalls kann sich noch immer ein bisschen zulegen. Immer ist die Stimme knapp vor dem Kippen. Aber sie macht das tapfer. „Wer Liebe lebt“ schreit sie ins Mikrophon. Sie will Gefühle und das will dann auch das Publikum. Außerdem ist sie blond. White Chocolate sind 3 Frauen, die über das Internet miteinander verkuppelt wurden. „Die Schweiz schickt uns nach Hannover. Das Internet führt uns zusammen“ sagen sie im Vorfilm. Und. „We can do it better whatever boys do“ Singen jedenfalls. Soulig singen sie ihr “power of trust”. Diese Völkerverbindungsthemen müssen sein für den Grand Prix. Die drei singen am besten. Eine Sängerin ist in Brittney Spears outfit. Dekolletee und Nabel. Rosa. Die andere in einem rosa Hosenkleid. Joy Fleming hat sich in einen Blumenberg stecken lassen, um ihre Fülligkeit zu verdecken. Sie hätte auch in einem rosa Barockkostüm auftreten sollen, dann hätten die Blumen sie beim Singen nicht gestört. Aber dicke Frauen müssen verschwinden. „We’ll make it somehow“ singen sie. 3 starke Frauen sagt der Moderator und deshalb bekommen sie dann nur den 2. Platz. Lou & Band haben Spaß an der Musik. Sie sind Profis und tingeln mit ihren Nummern. Lou ist eine nicht ganz junge Frau mit Karottenhaaren, einer nicht ganz perfekten Figur und 3 Männern mit Gitarren. Sie rocken ihre „Happy Birthday Party“ professionell herunter. Lou hat Ausstrahlung, aber wie gesagt, keine perfekte Figur. „All I need is fun“ glaubt man ihr. Das Publikum gibt ihr dafür Platz 3. Wie gesagt. 9 mal Männer und 3 mal Frauen. Die Frauen teilten die ersten 3 Plätze untereinander auf. Zuerst einmal waren die Frauen bei weitem professioneller als die Männer und manche konnten auch tatsächlich singen. Konnten als Musikerinnen auftreten. Keine der Frauen versteckte sich hinter einem Kostüm. Also hinter einer theatralischen Rollenvorstellung, die alle Männer benutzten. Wir bekamen die mainstream popular culture Vorstellung von „Dem Tenor“, dem schwul verspielten Modeschöpfer als Barockfürst mit Ritter zu sehen. Der junge Mann aus dem Fitnessstudio. Den Gladiator. Den verträumten romantischen Typ. Den jungen, ein bisschen zornigen Mann von der Straße. Den Typ aus dem Container. Der Mann in Leder mit sadistischen Kleinzitaten. Den Chansonsänger. Die Männer griffen auf Archetypisches zurück. Wählten Rollen. Und waren dann nicht in der Lage, diese Rollen auszufüllen. Offenkundig genügte die Eigenvorstellung. Manche der dann auch sehr erbärmlichen Auftritte ist nur durch fehlende Selbsteinschätzung zu erklären. Das Publikum konnte das sehen. Mochte diese Prätention nicht und wählte die Frauen, die sich einfach hinstellten und sangen. Die das auch tun konnten, weil singen nicht so ein Problem war für sie. Innerhalb der Frauen wurde dann die blonde Rosarote gewählt. Mit der perfekten Figur und dem kitschigsten Lied. Die besten Sängerinnen mussten auf den 2. Platz. Nicht zuletzt wegen des krampfigen Joy Fleming Kostüms. Lou war einfach nett. Aber ihre Ausstrahlung wies so gar keinen Glamourfaktor auf. Was ist nun daran zu erkennen. Frauen erreichen etwas. Die Leistung von Frauen wird anerkannt. Sie muss allerdings auch hier bei weitem höher sein, als das von den Männern Gebotene. Und sie müssen jung, schlank und blond sein. Dann geht es ganz sicher. Wir sind also ein Stück weiter. In diesem Weiter sind wir aber immer noch zurück. Es ist ganz klar, dass die Frauen durch ihre hohe Selbstzensur professionell viel weiter kommen als die offenkundig allzu selbstverliebten Burschen. Und das führt zu meiner Freundin zurück. Dem Satz gegen Mitternacht, dass sie keine Feministin sei, gingen lange Erzählungen voraus. Von der strengen Mutter, der es nie recht zu machen war und dem Vater, der die Mutter gewähren ließ. Vom Bruder, der immer alles richtig machte. Und der heute gar nicht erfolgreich war, während sie gelernt hatte, sich trotzdem durchzusetzen. Ich treffe oft Frauen, die diese harten Kindheitserfahrungen die natürlich ihre Geschlechtsidentität betreffen, wenn es, wie in diesem Fall, um einen Bruder geht, der bevorzugt wird. Und einen Vater, der nicht hilft. Ich treffe oft Frauen, die diese Verletzungen geradezu umarmen und die diese Verletzungen als Grundlage ihrer Durchsetzung oder ihres Erfolgs einordnen. Das wird ja so auch seine Richtigkeit haben. Und vielleicht sind diese Verletzungen zu schmerzlich, sie dann auch rational auf das eigene Leben zu beziehen und Schlüsse daraus zu ziehen. Zum Beispiel, dass frau als Mädchen weniger wert war für die Mutter. Es ist ein zerstörender Prozess, solche Erkenntnisse zu fassen. Für sich selbst zu fassen und sich einzugestehen, dass es diese Minderwertigkeit gab. Ich denke aber, dass es ohne diese Erkenntnisse keine Möglichkeit gibt, Partei für sich selbst zu ergreifen. Das kleine Mädchen von damals wenigstens heute zu verteidigen. Liebevoll sich selbst zuzuwenden. Zuerst einmal für sich selbst feministisch zu sein und das dann auf alle Frauen und Mädchen zu beziehen. Zuerst einmal reicht da eine Sympathieerklärung. Ohne diese Parteilichkeit gibt es keine vollständige Selbstbeschreibung. Frau bliebe sich selbst gegenüber stets fragmentiert. Wie die Freundin, die keine Feministin ist, nachdem sie eine typische chauvenistische Mädchenkindheit erzählt hat. Ohne diese Parteilichkeit gibt es keine Sympathie mit sich selbst. Kalt müsste frau sich zusehen, wie die Fragmente im Alter auseinanderdriften. Und. Ohne diese Parteilichkeit gibt es keine Möglichkeit, sich neu zu entwerfen und damit keine Annäherung an eine Selbstgesetzgebung. Eine Entwindung aus den Gesetzen von immer her.