Vor zehn Jahren, im August 1989, bewegten sich alle westeuropäischen Beobachter, die über die DDR etwas in Erfahrung bringen wollten, an die österreichisch-ungarische Grenze und in die bundesrepublikanischen Auffanglager. Das Fernsehen lieferte die Bilder von den Ostdeutschen, die nicht mehr DDR-Bürger bleiben wollten, live ins Haus. Das "andere" Deutschland war lange ignoriert geblieben, den anderen Deutschen wurde erst Beachtung geschenkt, als sie sich auf den Weg ins "richtige" Deutschland machten. Die DDR blieb ein blinder Fleck, ein Loch, das mit Karikaturen gefüllt wurde. In einem gewissen Sinn hat sich in den vergangenen zehn Jahren daran nichts geändert.

Der Zusammenbruch des osteuropäischen Staatssozialismus - und die Geschichtsschreibung, die dem in der vergangenen Dekade folgte - haben beinahe vergessen lassen, dass hier nicht nur Staaten kollabiert, sondern auch Gesellschaften in Bewegung geraten waren. So haben sich Historiker und Sozialwissenschaftler mit dem Herrschaftssystem der DDR beschäftigt, in der vereinigten Bundesrepub- lik widmete sich diesem sogar eine "Enquetekommission" des Bundestages. Und nach jedem Wahlgang im Osten beklagte die politische Klasse der neuen Bundesrepublik, dass "die Ostdeutschen" noch nicht in der neuen Zeit angekommen seien, und versuchte, deren abweichendes Verhalten mit meist lächerlichen Begründungen zu deuten: mit dem jahrzehntelangen Abgeschnittensein von der westeuropäischen Moderne, dem totalitären Virus, der den Ostdeutschen von Kindestagen an - etwa in den Krippen für die Kleinsten - eingeimpft worden wäre, und anderem mehr.

Dabei hätte man schon vor dem Fall der Mauer, hätte man nur einen kurzen Blick über diese gewagt, feststellen können, dass in allen Regimes im Osten Europas sich gesellschaftlicher Eigensinn entwickelt hatte - und dieser Typen verschiedener Natur hervorbrachte. Allein die sichtbarsten Figuren, die widerständigen Akteure unterschieden sich von Land zu Land: Dominierte in Polen der Rebell, in der CSSR und Ungarn der Dissident, so in der DDR zuerst der Häretiker, später der etablierte Außenseiter.

Ironie der Geschichte

So macht denn eine Gesellschaftsgeschichte der DDR auch deutlich, wie die ostdeutsche Gesellschaft das, was von oben in sie eingepflanzt wurde, aufnahm, verarbeitete, umdeutete und abwandelte; wie sich nach und nach ein System gesellschaftlicher Normen, Ansichten und Erwartungen herausbildete, das auf eigenen Füßen stand; wie der politische Fremdzwang entweder am sozialen Eigensinn scheiterte oder in diesen auf verschlungenen Pfaden umschlug.

Es ist schon eine seltsame Ironie der Geschichte, dass all jene Selbstermächtigungen der Gesellschaft im Nachhi- nein noch einmal erschlagen werden, indem Großbegriffe wie der vom "Totalitarismus" aus der Mottenkiste der Historie geholt werden. Tatsächlich lohnt kein Blick in die Kapillaren der Gesellschaft, wenn ein Regime wahrhaft "totalitär" ist - denn in einem solchen bleiben die Individuen atomisiert, Eigenleben kann die Gesellschaft nicht erfassen. Dann freilich ist auch nicht recht erklärbar, wie die Gesellschaften die Mechanismen und Institutionen der Herrschaft haben unterhöhlen können.

Versteht man den Text der ostdeutschen Geschichte aber zu enträtseln, dann verrät er uns einiges von einem stetig wachsenden Selbstbewusstsein der Bürger gegenüber den Autoritäten. Doch es dürfte auch den meisten der Ostdeutschen entgangen sein, wie sehr ihr neues Selbstbewusstsein mit eben dem Staatswesen zusammenhing, das sie herausforderten. Die Mehrheit der Menschen - dieses Versprechen des Sozialismus hielt - lebte in ähnlichen Umständen. Mit jeder der regelmäßig aufbrechenden Krisen wuchs vor allem das Selbstbewusstsein der Arbeiter (deshalb habe ich auch den Begriff der "arbeiterlichen Gesellschaft" vorgeschlagen, um diese Eigenart in den Griff zu bekommen). Die DDR etab- lierte also nicht nur jene oft kritisierte Gleichheit im Sinne von "Gleichschaltung", sondern auch einen ausgeprägten Sinn für egalitäre Praxis und, im Umkehrschluss, einen scharfen Instinkt für deren Gefährdungen. Dies fand seinen Niederschlag in den Alltagsriten, dem Geschlechterverhältnis, den Normen und Idealen, den Ess- und Trinksitten, den Kleidungsgewohnheiten. Die wahren Helden waren die Genies im Umgang mit Engpässen. Dem gesellschaftlichen Eigensinn, den die Herrschenden weckten, kamen am Ende auch sie nicht aus.

Manche Sedimente ostdeutscher Mentalität hätte man übrigens auch bei jenen finden können, die sich vor zehn Jahren auf und davon machten, hätte man sie nur lange genug beobachtet: Denn nicht wenige von ihnen sind indes wieder zurückgekehrt.

Wolfgang Engler ist Kultursoziologe, Dozent an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und lebt in Berlin; im Aufbau-Verlag erschien im Frühjahr 1999 sein Buch "Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land".
*"Die Vergangenheit einer Illusion?" - Waldviertel Akademie von 28. bis 29. August in Schloss Raabs (02842/537 37); neben dem Autor referieren Aleksa Djilas, Boris Bude, Vladimir Malachov, Georg Hoffmann-Ostenhof u. a.