Wien/New York - Für einiges Aufsehen sorgt seit Samstag ein Bericht in der New York Times : Die Wiener Freud-Gesellschaft habe dem palästinensisch-amerikanischen Literaturwissenschafter Edward Said eine Absage erteilt: Dieser war eingeladen worden, am 6. Mai 2001 in Wien einen Vortrag über Freuds Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen zu halten. Nach den internationalen Kontroversen rund um ein im Oktober erschienenes Foto, das Said bei einem Steinwurf gegen israelische Grenzsoldaten zeigt, befürchtete nun die Mehrheit der Vorstandsmitglieder der Gesellschaft einen Eklat.

Said seinerseits kommentiert die Wiener Absage in der New York Times so: "Freud wurde aus Wien verjagt, weil er Jude war. Jetzt werde ich verjagt, weil ich Palästinenser bin." Mehrere namhafte Psychoanalytiker wiederum - darunter etwa Julia Kristéva (Paris) - protestierten bereits gegen den Beschluss der Wiener Freud-Gesellschaft.

Johann August Schülein, der Präsident der Freud-Gesellschaft, äußerte gestern dem STANDARD gegenüber "großes Bedauern darüber, dass sich diese Angelegenheit so entwickelt hat. Statt dem internen Eklat, den ein Said-Vortrag im Mai wohl provoziert hätte, sind wir nun mit einem internationalen Eklat konfrontiert. Außerdem war ich neugierig auf Saids Beitrag zur Freud-Forschung."

Schon in der New York Times wurde Schülein dahin gehend zitiert, dass er persönlich Said nicht ausgeladen hätte, man die Absage aber auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Situation in Österreich sehen müsse, die, getragen von Xenophobie und antisemitischen Statements, Missverständnissen nicht gerade abträglich sei. Man sei auch wegen der Befürchtungen der wenigen im Lande verbliebenen jüdischen Bürger besorgt gewesen.

Edward Said, der an der Columbia University in New York unterrichtet, hatte sein Steinewerfen zuerst als "symbolische Geste der Freude" über das Ende der israelischen Besetzung des Libanon und dann als "Weitwurfwettbewerb mit meinem Sohn" bezeichnet. Er gilt als ein führender Theoretiker der "post-colonial studies". (Claus Philipp, DER STANDARD Printausgabe vom 12.3.2001)