Brügge/Wien - Florenz ist für die hohen Weihen der EU-Wissenschaften zuständig, Brügge für die Europa-Praktiker. Auf diesen Nenner lässt sich das Verhältnis der beiden renommiertesten Institutionen bringen, an denen die EU-Spezialisten der Zukunft ausgebildet werden: am Europäischen Hochschulinstitut in der Toskana und am Europakolleg in Flandern. Vor allem das zehnmonatige Postgraduierten-Studium in Brügge hat schon vielen jungen Europäern den Weg in Brüsseler Amtsstuben und Lobbyistenbüros geebnet. Otto von der Gablentz, ehemals deutscher Diplomat und nun Rektor in Brügge, beschreibt die Philosophie seiner seit 1949 bestehenden Einrichtung so: "Unsere, wie wir sie nennen, ,Brügge-Formel' des Zusammenlebens in einem europäischen Mikrokosmos sorgt dafür, dass die Studenten die ganze kulturelle Vielfalt Europas kennen lernen und lernen, damit zurechtzukommen." Spötter meinen, der Mikrokosmos entstehe am Europakolleg schon dadurch, dass es in einer ziemlich beschaulichen kleinen Stadt liegt. Die etwa 375 Studenten aus 40 Ländern haben also kaum etwas anderes zu tun, als sich miteinander zu beschäftigen. Zum Beispiel bei internationalen Partys in den Studentenhäusern des Kollegs. Doch könnte es auch dieses - etwas elitäre - Ambiente sein, das den Lerneifer fördert. Schließlich präsentieren die Dozenten, die zumeist auch als Professoren an europäischen Universitäten lehren, ein ziemlich intensives Stoffpensum - Unterrichtssprachen: Englisch und Französisch. Dabei versuchen sie immer wieder, den Praxisbezug ihrer Ausführungen zu zeigen - Exkursionen nach Brüssel inbegriffen. Diese gestalten sich freilich für die Studenten in der 1999 neu gegründeten Europakolleg-Zweigstelle im polnischen Natolin ein wenig schwieriger. Fächerspektrum Das Fächerspektrum des Europakollegs umfasst Rechtswissenschaften, Wirtschaft, Politologie und "Human Resources Development Studies" - ein Studiengang, bei dem es vor allem um Personalführung, Sozialsysteme und Arbeitsrecht geht. Der interdisziplinäre Überblick über Geschichte und gemeinsame Ideale der EU soll dabei aber nie zu kurz kommen. Schließlich ist es ein Ziel des Europakollegs, die Absolventen auf die Concours, die komplizierten Auswahlverfahren für einen Berufsstart in den EU-Institutionen, vorzubereiten. Früher hatten es Brügge-Diplomierte dabei natürlich einfacher. Da nahm die EU es mit Objektivität und Chancengleichheit im Concours noch nicht so genau - und es war durchaus von Nutzen, wenn ein Brügge-Ehemaliger in der Kommission sah, dass ein Kandidat durch die gleiche Schule gegangen war wie er. Bei anderen Arbeitgebern im Bannkreis Brüssels könnte dieses "Network" aber auch heute noch nützlich sein. Schließlich gibt es über 6000 Brügge-Absolventen. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 13. März 2001)