Wien - Nur sieben Prozent der im Zuge einer Studie befragten Wiener Schüler hatten noch nie Kontakt mit - illegalen wie auch legalen - Drogen. Drei von vier Jugendlichen würden sich an niemanden wenden, wenn sie einen Freund oder eine Freundin mit Suchtproblemen hätten. Zu Eltern und Lehrern haben sie in Drogenfragen offenbar besonders wenig Vertrauen - Das sind die Kernaussagen einer Befragung, die Michael Jahn, Direktor des Gymnasiums für Musik und Kunst (MUK) in der Wiener Hegelgasse und Experte im Bereich Jugend und Sucht, bei einer Drogen-Podiumsdiskussion der Vereinigung Christlicher Lehrer (VCL) vorstellte. Statistik In sechs Wiener Schulen hatte Jahn die Angaben von mehr als 2.000 Schülern eingeholt und herausgefunden, dass 90 Prozent der Befragten bereits Kontakt zu Alkohol, 70 Prozent zu Nikotin und 30 Prozent zu Haschisch hatten. "Wenn ein Jugendlicher einmal eine Haschischzigarette probiert, ist das kein Drama", erklärte Jahn den anwesenden Lehrern, die sich über Möglichkeiten der Prävention von Suchtproblemen in ihren Schulen informieren wollten. Aber der Gebrauch könne zum Missbrauch, dann zur Gewöhnung, später zur Abhängigkeit und schließlich zur Sucht werden. "Primär liegt die Suchtvorbeugung bei der Familie, aber wenn ich mir meine Population in der Schule anschaue, wo die Hälfte aus gestörten Verhältnissen kommt, oft geschiedene Eltern hat, so ist das eine problematische Situation", so Jahn. Freizeiteinflüsse Ein weiteres interessantes Detail seiner Untersuchung: Drogenkonsum hängt stark mit den Freizeiteinflüssen zusammen: Schüler, die sehr viel Zeit vor dem Bildschirm verbrachten (Fernsehen oder Videospiele), neigten eher zum Drogenmissbrauch als andere Jugendliche. "Eine substanzungebundene Sucht wie Bildschirmsucht kann oft die Vorstufe von Drogensucht sein", sagte Jahn. Immerhin 46 Prozent der Schüler gaben an, zwischen sieben und 20 Stunden wöchentlich vor dem Fernseher zu verbringen. Gute Aufklärung Mit mangelnder Aufklärung könne die Drogenproblematik hingegen nichts zu tun haben. Die Schüler seien gut informiert und wüssten über die Sucht- bzw. Gesundheitsgefahr durch die einzelnen Substanzen Bescheid, wie die Studie zeige. Von der dramatischen Aufklärung im Sinne von Abschreckung sei man daher in den letzten Jahren gänzlich abgekommen. Mit Drogenliberalisierung haben die Kids überraschender Weise trotz regen Zuspruchs zu illegalen Substanzen offensichtlich nichts am Hut: 51 Prozent sprachen sich für strengere Bestrafung des Handels mit Drogen aus, 47,5 Prozent wünschen sich mehr Kontrolle durch die Polizei. Und: Zwei Drittel der Schüler hegen den Wunsch nach mehr Kontakt zu ihren Lehrern. Bis jetzt sind diese in der Liste der Vertrauenspersonen allerdings sehr weit unten angesiedelt. "Vertrauensschüler" Der Vorstand des Wiener Sicherheitsbüros, Max Edelbacher, nahm zur internationalen und nationalen Drogenproblematik Stellung. Ein großes Problem seien in den vergangenen Jahren die synthetischen Drogen geworden, deren Konsum sprunghaft ansteige. Präventiv auf junge Menschen einzuwirken, sei für die Polizei lange Zeit kaum möglich gewesen. "Es ist schwer, Vertrauen aufzubauen, wenn man älter ist und die Sprache der Jugend nicht mehr spricht. Heute haben wir aber einen didaktisch-methodisch geschulten Beratungsdienst", so Edelbacher. Gemeinsam mit drei anderen Kollegen vom kriminalpolizeilichen Beratungsdienst kümmert sich Engelbert Horwath um die Suchtprävention in Wien. Die Schüler versucht man heute mittels "peers", speziell geschulten "Vertrauensschülern", zu erreichen, Eltern klärt man über die Merkmale der verschiedenen Szenen und trendige Drogen auf - von vielen Rauschmitteln abseits von Marihuana und Ecstasy (wie Muskatnuss, Schlagoberspatronen oder Engelstrompete) haben Eltern nämlich oft nicht die geringste Ahnung. "Wer sagt, er habe kein Problem an seiner Schule, lügt sich selbst an. Auf jedem Schikurs kann man beobachten, dass Drogenkonsum Gang und Gäbe ist", weiß Horwath. Kein neues Problem "Ein neues Problem ist der Drogenmissbrauch aber nicht", merkte der Drogenkoordinator der Stadt Wien, Peter Hacker, an und verwies auf die "Kinder vom Karlsplatz", die schon Mitte der achtziger Jahre ein gebräuchliches Schlagwort waren, auf den völlig legalen Hanfanbau in Österreich bis zu den dreißiger Jahren und die "Geburt" des Kultgetränks "Coca Cola", das ursprünglich mit Kokain angereichert war. (APA)