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Rom/Wien - Die römisch-katholische Kirche steht vor einer tiefgreifenden Strukturreform. Papst Johannes Paul II. hat die Kardinäle für den 21. bis 24. Mai zu einem außerordentlichen Konsistorium in den Vatikan berufen. Die Kardinalsvollversammlung solle Perspektiven für den Kurs der Kirche im dritten Jahrtausend erörtern, teilte Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls mit. Beobachter gehen davon aus, dass es bei der Vollversammlung insbesondere um Fragen der Kollegialität in der Kirchenleitung sowie der Zuordnung von Kurie, Bischofssynode, Bischofskonferenzen und Kardinalskollegium gehen wird. Es dürfte auch die Rolle des Petrusamtes selbst zur Sprache kommen, die neu zu überdenken der Papst in den vergangenen Jahren mehrfach angeregt hatte. Kirchenführer wie Wiens Franz Kardinal König, der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini oder der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, haben sich mehrfach öffentlich für eine Verstärkung der Kollegialität ausgesprochen. Kardinal König meint, dass die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Frage der Strukturreform stecken geblieben sei. Subsidiaritätsprinzip Der Grazer Kirchengeschichtsprofessor Maximilian Liebmann ist überzeugt, dass die Entscheidungen des Konsistoriums nur Richtung Dezentralisierung und damit auf eine Stärkung der Ortskirchen hinauslaufen könnten. "Die katholische Kirche ist inzwischen so groß geworden, dass man sie nicht mehr so leiten kann wie bisher." Gerade die Frage der Bischofsfindung sei dafür ein Beispiel. Der Papst sei nicht in der Lage, alle infrage kommenden Kandidaten rund um die Welt zu kennen. Die Kirche müsse mit der Strukturreform das von ihr proklamierte Subsidiaritätsprinzip realisieren. Intern wird auch die Wiedereinführung von Patriarchaten diskutiert. Diese gab es bereits in der Vergangenheit, so zum Beispiel den Patriarchen von Venedig oder von Aquilea. So könnte in Zukunft für jeden Kontinent ein Patriarch installiert werden: für Asien, Afrika, Nord- und Südamerika, Australien. Für Europa wäre es wohl der Papst selbst. Kabinettssitzungen Mit der Strukturreform beschäftigt sich auch Hans Maier im Artikel "Braucht Rom eine Regierung?" in der Zeitschrift Stimmen der Zeit. Maier war von 1976 bis 1988 Präsident der Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Er fordert zum einen regelmäßige Kabinettssitzungen der Leiter der vatikanischen Kongregationen, um die Politiken der einzelnen Kongregationen aufeinander abzustimmen. Damit soll der Mangel an Koordination und Stimmigkeit in der vatikanischen Politik beseitigt werden. Bis dato ist es so, dass jeder Kongregationsleiter separat zum Papst geht und mit ihm die Entscheidungen abspricht. Weiters sollen die päpstlichen "Räte" aufgewertet und den Kongregationen gleichgestellt werden. Zum anderen spricht sich Maier für eine neue Balance von Orts- und Weltkirche aus. "So könnten einem künftigen Kabinett des Papstes nicht nur Kurienkardinäle und -bischöfe als Behördenleiter angehören, sondern - zur Hälfte - auch regierende Bischöfe aus der Weltkirche. Damit könnten die Gesichtspunkte der Ortskirchen besser zur Geltung gebracht werden". (DER STANDARD Print-Ausgabe, 14. 3. 2001)