Wien - Zum wiederholten Male haben sich am Mittwoch Politiker wie der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein für eine "österreichische Stromlösung" ausgesprochen. Gemeint damit ist, dass sich die wichtigsten Energieversorger zusammenschließen, um gemeinsam im härteren Wettbewerb, den die Stromliberalisierung in der EU mit sich bringt, überleben zu können. Die politisch ungewünschte Alternative war stets der Einstieg eines ausländischen Energiekonzerns, der die seit 1945 verfolgte Selbstversorgung beim Strom beenden und den umstrittenen Atomstrom ins Land lassen würde. Dass genau dies jetzt passiert, hat viel mit der Uneinigkeit der Bundes- und Landespolitiker zu tun, die die staatlich kontrollierten Energiegesellschaften als Spielwiese für eigene Interessen betrachteten und dort gerne Parteifreunde versorgten. Entscheidend war aber auch der Antagonismus der beiden mächtigsten Strommanager des Landes, die völlig unterschiedliche Konzepte verfolgten. Als Chef der Verbundgesellschaft, des größten Energiekonzerns, kontrolliert Hans Haider einen Großteil der Stromproduktion und das Leitungsnetz des Landes, hat aber kaum Zugang zum Endkunden. Sein Ziel war es, im Zuge einer Fusion mit der niederösterreichischen EVN und anderen regionalen Versorgern einen Stromkonzern zu schmieden, der sowohl bei der Produktion als auch im Verkauf führend ist - natürlich mit Haider an der Spitze. Diese Führungsposition wollte EVN-Chef Rudolf Gruber dem Verbund nie zugestehen. Dieser sei zwar größer, verstehe aber nichts vom Verkauf und Marketing an den Endkunden und sei daher für den liberalisierten Strommarkt weniger gut gerüstet als die EVN oder andere Versorger mit großem Kundenstock wie die Wiener oder die Linzer Stadtwerke. Denn nicht Staudämme, sondern Kunden seien demnach das wertvollste Kapital der Energiewirtschaft. Gruber schmiedete daher eine Allianz mit Karl Skyba von den Wiener Stadtwerken und lud den Verbund zu einer Kooperation mit klarer Aufgabenteilung ein: Auf der einen Seite die Bündelung der Kraftwerke unter dem Dach des Verbunds, auf der anderen die vereinte Vertriebsgesellschaft mit EVN und Wiener Stadtwerke an der Spitze. Während Erwin Pröll und Michael Häupl das Konzept ihrer Landesgesellschaften tatkräftig unterstützten, leisteten die Wirtschaftsminister Hannes Farnleitner und Martin Barstenstein dem Verbund Rückendeckung. Gruber gelang im Herbst 1998 ein Überraschungscoup, als er gemeinsam mit den Wienern und der Tiroler Tiwag eine 25-Prozent-Sperrminorität an der Verbund-Gruppe erwarb. Dies wäre eine gute Grundlage für beide Modelle einer Stromlösung gewesen, doch so weit kam es nie. Als der Verbund unter dem Namen "Energie Austria" die Fusion mit der steierischen Estag und der oberösterreichischen Energie AG verkündete, brachte das EVN-Syndikat dies in der Hauptversammlung zu Fall. Gruber argumentierte damals, dass die Konstruktion der Energie Austria den Minderheitsaktionär völlig entmachtet hätte. Haider schlug zurück, indem er und seine Verbündeten über mehrere US-Investmentfonds einen 27-Prozent-Anteil an der EVN für 6,5 Milliarden Schilling (472 Millionen Euro) erwarb. Damit konnten er aber nicht viel anfangen: Gruber trieb die von ihm initiierte Vertriebsgemeinschaft "Energie Allianz" weiter voran, und der EVN gelang es auf der Hauptversammlung im Jänner sogar, der Verbund-Gruppe einen Aufsichtsratssitz zu verwehren. Gruber begründete dies damit, dass der Verbund nie, wie unter befreundeten Unternehmen üblich, den Dialog gesucht hätte. Entflechtung als Ziel Für Hans Haider und Bartenstein brachte aber diese gerichtlich angefochtene Entscheidung das Fass zum Überlaufen. Von nun an war die Entflechtung das Ziel. Doch die EVN verweigerte den Verkauf der Verbund-Aktien, die inzwischen an Wert gewonnen hatten, mit dem Hinweis auf die strategisch und politisch so wertvolle Wasserkraft des Verbunds. Weil die EVN-Aktien massiv an Wert verloren hatten und Verbund, EAG und Stewag keinen Verlust in ihren Büchern realisieren wollten, musste ein Käufer gefunden werden, der eine kräftige Prämie zu zahlen bereit war. Im Inland war dafür niemand zu finden. Doch in Deutschland und Frankreich warteten Strommultis nur darauf, in den geographisch so interessanten österreichischen Markt einzusteigen- oder im Falle der Electricité de France, die bereits an der Stewag beteiligt ist, das Engagement zu verstärken. Zuerst bot der Verbund das Paket der RWE an, doch diese winkte ab. Mit der E.ON ist nun ein Käufer gefunden, der wohl mehr in Österreich will als ein Aktienpaket. Wie schon im Bankensektor ist auch Österreichs Stromwirtschaft auf den besten Weg, in den deutschen Markt integriert zu werden. (DER STANDARD, Printausgabe 15.3.2001)