Der Unterschied könnte nicht krasser sein: Sozialisten, Grüne und Linksaußen-Parteien hatten am Montag nach dem ersten Kommunalwahlgang kaum Mühe, bereinigte Listen für die Stichwahl am Sonntag zu hinterlegen; der heillos zerstrittene Bürgerblock raufte sich am Dienstagabend erst Minuten vor Ablauf der Eingabefrist im allgemeinen Chaos zusammen. Und meist wurden die tiefen Zwistigkeiten notdürftig übertüncht.

In den drei wichtigsten Wahlbezirken von Paris zieht sich der dissidente Gaullist Jean Tiberi zugunsten des offiziellen Rechtskandidaten Philippe Séguin (ebenfalls von der neogaullistischen RPR) zurück. In anderen Arrondissements kam es zu "wilden" oder "formellen" Allianzen. Hinter den semantischen Nuancen verbirgt sich ein Flickwerk von Sonderabsprachen, die ein einziges Ziel verfolgen: Der wahrscheinliche Sieg des sozialistischen Kandidaten Bertrand Delanoë (31 Prozent im ersten Wahlgang) soll um alles in der Welt verhindert werden. Denn Paris ist nicht nur ein Symbol, sondern Bastion des Staatspräsidenten Jacques Chirac. Er will "nicht den Sombrero der Niederlage aufsetzen", wie die Zeitung Libération den gaullistischen Exbürgermeister der Hauptstadt zitierte.

In Lyon wirkte offenbar auch ein gaullistischer Deus ex machina: Hier zog die Rechte den RPR-Kandidaten Jean-Michel Dubernard aus dem Hut, um den ersten Lokalwahlsieg der Linken seit fünfzig Jahren zu verhindern. Der liberale UDF-Kandidat Michel Mercier hatte das Handtuch geworfen, nachdem er vom rechten Sprengkandidaten Charles Millon fast überholt worden war. Einwände aus dem eigenen Lager überhörend, einigten sich RPR und UDF mit Millon, der in der Vergangenheit mit der rechtsextremen Front National paktiert hatte, im letzten Moment auf die Aufteilung einzelner Stadtbezirke.

Auch die Linke hat aber einige Probleme mit dem zweiten Wahlgang. Prominenten Minister(inne)n droht eine Schlappe, nachdem bereits Umweltministerin Dominique Voynet in Dole und Transportminister Jean-Claude Gayssot im ersten Urnengang ausgeschieden sind. Justizministerin Elisabeth Guigou in Avignon und Pierre Moscovici in Montbeliard sind in einer schlechten Ausgangslage, genauso wie Exkulturministerin Catherine Trautmann in Straßburg oder Erziehungsminister Jack Lang in Blois.

Am besten schnitt noch Exsozialministerin Martine Aubry in Lille ab. Sie erhielt 35 Prozent der Stimmen - zehn Prozent weniger, als die Sozialisten bei den Kommunalwahlen 1995 erzielten. Wenn ihre Wahl trotzdem gesichert scheint, dann wegen der Grünen, die ihre 15 Prozent der Stimmen auf Aubry übertragen wollen.. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2001)