"Modersohn" im Echoraum: Wieder bietet sich in Wien die Chance zu einem Abstecher in das wahnwitzige Theateruniversum von Jörg W. Gronius und Bernd Rauschenbach, in dem es oft weniger darum geht, alles zu verstehen, als begeistert zuzuhören: Claus Philipp sprach mit den deutschen Dramatikern. Wien - Sätze gibt es, die kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Aber was heißt Sätze! Ganze Kaskaden sind es, die gegenwärtig der Titelheld des Theaterstücks Modersohn im Wiener Echoraum auskostet: "Soja ist die billigste Eiweißquelle", räsonniert da der Schauspieler Herbert Adamec in einem fleckigen Mal-und-Schlafrock. "Aber was sage ich Ihnen da?", kläfft er ein Mädchen (Martina Schwabenitzky) an, das sich wie ein Modell des Malers Balthus in einem Lehnstuhl räkelt. "Der Hirsch ist die dem Katapultjäger teuerste Eiweißquelle. Was meinen Sie, wie viel Eiweiß aus so einem Hirsch herausquillt bei waidgerechtem Aufbruch. Sie haben den Fänger kaum noch nicht angesetzt, da schießt es Ihnen schon entgegen: das reinste Eiweiß. Ein ganzer Strom von Eiweiß ergießt sich in das Antlitz des Katapultjägers." Modersohn gipfelt darin, dass der Jäger und Maler und eine Kunstfotografin (Eva Linder), von ihren jeweiligen Beuten und Trophäen beseelt, epochal aneinander vorbeischwadronieren. Als abendfüllender Zweiakter ist das Stück zwischen den Kurz-und Kürzestdramen des deutschen Dramatikerduos Jörg W. Gronius und Bernd Rauschenbach ziemlich singulär - wenn man von der Tatsache absieht, dass die beiden zuletzt mit Stellen aus der Welt ein Historiendrama in 2000 Kürzestakten (für die Expo Hannover) verfassten. Und wie schon in den anderen Theaterspielereien der "schreibenden Freejazz-Formation" gilt auch für Moder-sohn : "Es ist fast wichtiger, dass sich ein Satz gut spricht." Seit gut 30 Jahren erproben die gebürtigen Berliner das in Lesungen und Performances, etwa im Echoraum, der ihnen seit 1993 immer wieder Anlaufstelle ist. "Und dann", so Rauschenbach abgründig lächelnd, "sagen die Leute oft: ,Gut! Mein Gott, das müsste man alles nachlesen, um es zu verstehen!' Nur: Wenn sie es dann lesen, verstehen sie's oft immer noch nicht." Gronius ergänzt: "Es kommt nur darauf an, wie selbstverständlich man etwas vorträgt." Hohelied des Katapults Selbstverständlich ergibt sich daraus sofort eine Frage nach der Faszination der in Modersohn gepriesenen Katapultjagd. Gronius klärt den Interviewer, der als Kind nur "Steinschleudern" kannte, gerne auf: "Der Katapult ist eine alte Jagd- und Schreckwaffe - zum Beispiel um Krähen zu verjagen oder um Singvögel, die Obstbäume leer fressen, zu vertreiben." Dabei, so Rauschenbach, "sieht ein Katapult aus wie eines jener Gehörne, die Jäger so gerne als Trophäen präsentieren: Es geht gewissermaßen um das Ypsilon als Siegeszeichen. Die klassische Schleuder hingegen, die auch David gegen Goliath zum Einsatz brachte, ist ein Tuch oder ein Schlauch, wo man einen Stein reinlegt, sich wie beim Hammerwerfen damit dreht und dann loslässt. So kämpfen heute noch Mitglieder der palästinensischen Intifada." Gemeinsam drauflosassoziieren, in "rituellen Schreibtreffen" - das ist der Ausgangspunkt von Gronius/Rauschenbach: "Einer fängt an, dann macht der andere weiter", erzählt Rauschenbach, der im Brotberuf "Secretär" der Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld ist: "Und der, der gerade nicht schreibt, kann zum Bücherregal gehen und passende Literatur vorlesen, worauf der, der gerade schreibt, sagen kann: ,Jetzt halt mal den Mund.' Manchmal schreibt einer nur einen Satz, dann wieder zehn Seiten. Dann lesen wir das gemeinsam und überarbeiten es. Oder werfen es weg. Oder tun es in die Schublade, damit wir es Jahre später wieder hervorziehen." Wie im Fall von Modersohn. Gronius: "Ein Mann, der Jäger war, und eine Frau, die ihn fotografieren will - die Konstellation erwogen wir schon einmal vor zehn Jahren." Oder, so Rauschenbach: "Die Beherrschung und Einvernahme von Natur durch den malerischen Blick, durch die Linse - was ja auch einen sexuellen Aspekt hat, der in der Inszenierung von Joseph Hartmann stark betont wird." Wobei der Regisseur auch einem anderen Element Rechnung trägt. Gronius: "Es gibt immer Momente in unseren Texten, wo man nicht mehr weiß: Wird da noch etwas gestaltet oder gespielt oder steigen die jetzt gerade aus? Oft sind dann gerade die Dinge, die am abstrusesten wirken, real." Stellen aus der Welt etwa handelte oft Akt für Akt, Jahr für Jahr, die ganze Historie seit Christi Geburt lang immer wieder vom Aussteigen in Untätigkeiten. "In der Spätantike ist ja auch ganz viel nichts passiert!", räsoniert Rauschenbach. "Genau", ergänzt Gronius: "Es ist halt manchmal fünfzig Jahre lang nichts los." Rauschenbach: "Die Spätantike - das war 'ne schöne Zeit! Uns interessiert ein Theater im Kopf, und das hat natürlich eine lange Tradition - von Ludwig Tiecks Gestiefeltem Kater über den Dadaismus bis herauf zur Wiener Gruppe, oder Wolfgang Bauer, der für uns ein großer Anreger war." Österreich ist ihnen eine stete Quelle der Inspiration. Gronius liebt "am Sprachgebrauch hier die Spannung zwischen Nähe und Ferne! Kürzlich diese Schlagzeile: 75 Prozent vetrauen dem Fleischhauer! Bei uns gibt's auch schwachsinnige Schlagzeilen. Aber hier erleben wir den Schwachsinn entrückt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 3. 2001)