Bundeskanzler Wolfgang Schüssel sieht sich gerne als Entdecker der Gelassenheit, er hat sie sozusagen zur politischen Kategorie erhoben. Das offenkundige Kalkül seiner Strategie ist die "Zähmung" des Kärntner Landeshauptmanns. Das ist Schüssel bis dato nicht gelungen, und allmählich muss sich der Regierungschef die Frage vorlegen, wie weit er die Gelassenheit noch treiben will. Mit der neuen politischen Kategorie rechtfertigt er nämlich den fortgesetzten Verstoß gegen die Prinzipien der ÖVP, die sich stets als eine den christlichsozialen Werten verbundene Partei verstanden hat. Das bedeutet zumindest im europäischen Kontext nach wie vor eine Absage an Fremdenfeindlichkeit und jegliche Form des Antisemitismus. Einer, der die Volkspartei nach wie vor so sieht, ist EU-Kommissar Franz Fischler. Er hat daher seine Meinung über die jüngsten antisemitischen Ausfälle von Jörg Haider im STANDARD-Interview deutlich gemacht. Zu Recht hat Fischler seine Parteifreunde in Wien aufgefordert, sich endlich ähnlich klar von Haider und den Inhalten seiner Politik zu distanzieren. Sie sind nämlich weder ein billiger Faschingsscherz noch eine zufällig in einem Bierzelt herausgerutschte Bemerkung, hier geht es um bewusstes Schüren von Ressentiments. Schließlich hat Haider bei der Aschermittwochrede vom Blatt gelesen, was für jeden TV-Konsumenten ersichtlich war. Der Bundeskanzler weiß das selbstverständlich alles. Dennoch versucht er weiter schweigend Haider zu therapieren. Still opfert der Bundesobmann der ÖVP auf dem Altar des Machterhalts die Prinzipien der eigenen Partei und lässt zu, dass das Ansehen Österreichs weiter ramponiert wird. Das ist ein Akt der Selbstsanktionierung. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 15. 3. 2001)