Noever, Chef des Museums für angewandte Kunst, über die Sinnhaftigkeit von Designausstellungen, über den geplanten MAK-Shop von Vito Acconci und seine Zuversicht, den besten Kitsch des Landes zu produzieren.

STANDARD: Warum zeigt das MAK heuer auffällig viele Design-Ausstellungen?

Noever : Design ist ein spannendes Thema, weil es den Alltag stark einbindet. Es gibt kein anderes Medium, das die Kultur einer Gesellschaft augenscheinlicher vermittelt. Es ist eine Kategorie, die im Unterschied zu vielen anderen Dingen erfreut, in dieser allgemeinen Tristesse. Wir als MAK wollen bestimmte Phänomene, die über das Schnelle hinaus Bedeutung haben, mittels Ausstellungen ins Zentrum rücken. STANDARD: Sie haben gerade dieses Thema in der Vergangenheit doch etwas vernachlässigt? Noever : Wir haben eigentlich sogar ein schlechtes Gewissen, weil wir vielleicht zu wenig Designausstellungen gemacht haben, aber es ist nicht möglich, alle Wünsche abzudecken. Was wir aber schon vor Jahren gemacht haben und wieder aufgreifen werden ist, einmal pro Jahr einen Designschwerpunkt mit der Tradition der Winterausstellungen zu setzen, die eine Produktschau des Kunstgewerbes waren. Wir haben auch immer wieder bildende Künstler eingeladen, Designobjekte zu entwickeln, doch erfolgte das - und das tut mir leid - nicht konsequent genug. Gerade in Österreich, wo es ein Missverhältnis gibt, muss die Präsentation von Design gut überlegt werden und hohen Anspruch haben. STANDARD: Welches Missverhältnis meinen Sie? Noever : In Österreich ist sicher ein gewisses gestalterisches Potenzial vorhanden, doch andererseits werden Lifestyleströmungen lieber importiert. Wir leben, was diese Erscheinungen anbelangt, in einer Art Entwicklungsland. Österreich besinnt sich nicht auf sich, sondern auf andere. Das ist ein Ausdruck der Provinzialität. Es ist zu wenig Vertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis vorhanden. Man kann sich ja nicht ewig auf die Wiener Werkstätte berufen. STANDARD: Welche Art von Design will das MAK vermitteln? Noever : Design ist viel wichtiger, als man auf den ersten Blick annimmt, weil es die letztverbleibende Kategorie ist, die nicht klar definiert ist. Design greift, richtig verstanden, in alle Lebensbereiche ein. Das ist wichtig vor allem in einer Gesellschaft, die sich zunehmend spezialisiert. Bei uns reduziert sich der Begriff zu oft nur auf Visuelles, auf nette schmissige Verpackungen, was sich natürlich langsam zu ändern beginnt. Dieses Missverhältnis wollen wir aufzeigen, und wir beginnen heuer wieder ausgewählt und in kleinem Maßstab damit. Übrigens haben wir in Zusammenhang mit dem Design-Info-Pool auch einen eigenen Sammlungsbereich geschaffen - zynischerweise genau zu dem Zeitpunkt, als die Mittel für Ankäufe auf Null reduziert wurden. Zum Glück gibt es aber nicht nur das Materielle, sondern auch das Ideelle, sonst wäre die Sache ja hoffnungslos. STANDARD: Was halten Sie von Trends à la Guggenheim, gemeinsam mit der Industrie, siehe Armani und BMW, fröhliche und ziemlich oberflächliche Feste des Designs als angewandte Kunst zu feiern? Noever : Ich finde das alles rasend interessant, doch Museen sollten nicht zu beliebigen Vergnügungsstätten verkommen. Ich glaube, dass sich die Kunstinstitutionen in einer schweren Krise befinden. Jedes Museum muss eine klare Orientierung finden, die kann sich ja auch dem Vergnügen hinwenden, nur ist es riskant, mit jedem Bereich ein wenig zu spielen und das alles unter einem Dach durchzuführen. Entertainment und seriöse Experimente in der Kunst zu mischen, bleibt unverständlich. STANDARD: In welcher Weise, wenn überhaupt, dürfte der Kommerz im MAK Fuß fassen? Noever : Ich kann mir vorstellen, einen kommerziell erfolgreichen unabhängigen Museumsshop zu betreiben. Es ist ja unbestritten notwendig, in gewissen Bereichen privatwirtschaftlich aktiv zu werden. STANDARD: Der derzeitige MAK-Shop zeichnet sich durch nettes Angebot aber unmögliche Räumlichkeiten aus. Wird sich das ändern? Noever : Vor dem Shop war in den vergangenen Jahren eigentlich ununterbrochen Baustelle, doch es gibt Pläne von Vito Acconci für eine ganz neue Location, die vorne am Stubenring in der ehemaligen Galerie zwischen Café und Säulenhalle gelegen ist. Das Projekt soll die Serie räumlicher Interventionen von Künstlern wie Donald Judd, Jenny Holzer, Barbara Bloom im MAK fortsetzen. Das Projekt ist allerdings noch nicht ausfinanziert. STANDARD: Sie hoffen auf öffentliche Unterstützung? Noever : Jeder Geschäftsmann, jede Geschäftsfrau weiß, dass man ohne Investitionen keine Erlöse lukrieren kann. Man muss natürlich daneben auch die bestehende Organisation verbessern und effizienter arbeiten. Ein künstlerisch anspruchsvoller Shop wäre aber durchaus ebenso ein kultureller Beitrag, dabei muss selbstverständlich auch das Angebot dort stimmen. STANDARD: Denken Sie an Kitsch wie etwa im Shop des Kunsthistorischen Museums, wo Sisi, Klimt, Schiele & Co greulichst ausgeschlachtet werden? Noever : Das Ganze ist in Entwicklung. Wir bringen demnächst gemeinsam mit Alessi zum Beispiel ein Hoffmann-Besteck von 1906 heraus - und das ist etwas anderes, als Sujets von Gemälden auf Plastiksackerl zu kleben. Aber ich meine, wenn man schon Kitsch anbietet, dann sollte das der schmerzhafteste sein. Ich hoffe, dass es gelingt, ihn mit Künstlern herzustellen. Ohne Kitsch könnte die gediegene Schönheit des anderen nicht festgestellt werden, und ich bin zuversichtlich, dass der Kitsch des MAK-Shop den anderer Museen noch übersteigen kann. STANDARD: Derzeit etablieren sich diverse Organisationen, die österreichisches Design international pushen wollen, wie etwa die bundesweit aktive Designstiftung. Läge soetwas nicht im Aufgabengebiet des MAK? Noever : Österreich hat das Problem, kein "Brandname" für zeitgenössischer Alltag zu sein, wie etwa Italien und Skandinavien. Es hat zwar immer irgendwelche Organisationen für Design gegeben, doch der Erfolg war stets direkt an die handelnden Personen geknüpft. Deswegen glaube ich an eine Organisation erst dann, wenn sie Profil hat, und das kann sich schwer durch die Summe aller Interessen entwickeln. Man muss vielmehr einzelne Aspekte herausgreifen und gegen den Widerstand aller unterstützen, das wäre für mich die Aufgabe einer Stiftung. STANDARD: Es gibt also kein Interesse an der Zusammenarbeit mit der Industrie? Noever : Dieses Interesse muss beiderseitig sein. Von unserer Seite besteht es, aber nicht um jeden Preis, und die Bereitschaft der Industrie über den Selbstzweck hinaus gesellschaftlich etwas zu tun, ist gering. Der kulturelle Part scheint mir bei sehr vielen Unternehmen dieses Landes überdurchschnittlich verkümmert zu sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 3. 2001)