Warschau/Jedwabne - Viele Einwohner des ostpolnischen Städtchens Jedwabne können nicht fassen, dass ihr Ort plötzlich ins Zwielicht geraten ist. Anlass ist das im vergangenen Jahr veröffentlichte Buch "Nachbarn" des Soziologen Jan Tomasz Gross. In dem in Polen wohl meistdiskutierten Buch der letzten Jahre beschreibt Gross, wie bis zu 1600 jüdische Einwohner im Juli 1941 geschlagen, gesteinigt und verbrannt wurden - von ihren christlichen Nachbarn. Der 60. Jahrestag des Pogroms wirft schon Monate vor den geplanten Gedenkfeiern einen langen Schatten. Die polnische Gesellschaft ist tief gespalten im Hinblick auf Schuld und Sühne, über die angemessene Art des Gedenkens und eine offizielle Entschuldigung. Angesichts der brutalen deutschen Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg waren vor allem für die ältere Generation Polen nur als Opfer, nicht als Täter denkbar. Etwa ein Viertel der polnischen Bevölkerung kam ums Leben - rund drei Millionen Juden als Opfer des Holocaust und etwa dreieinhalb Millionen ihrer christlichen Landsleute, die ebenfalls dem Nazi-Terror zum Opfer fielen, sich als Zwangsarbeiter zu Tode schufteten oder im Untergrundkampf starben. Ungefähr 5000 Polen wurden bisher als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet, weil sie verfolgten Juden das Leben gerettet hatten. Staatspräsident Aleksander Kwasniewski war der erste polnische Spitzenpolitiker, der deutlich gemacht hatte, dass es nicht bei der Feststellung historischer Tatsachen durch Wissenschaftler und die Ermittlungen des "Institut des Nationalen Gedenkens" bleiben dürfe. Er halte die Gedenkfeiern im Juli für einen geeigneten Anlass, sich im Namen Polens für das Verbrechen zu entschuldigen, sagte er in einem Interview mit einer israelischen Zeitung. Veteranenverbände. "Wir haben uns bereits entschuldigt" "Wenn wir als Volk ein Recht auf Stolz auf diejenigen Polen haben, die unter Einsatz des eigenen Lebens Juden retteten, müssen wir auch zur Schuld derjenigen stehen, die an ihrer Ermordung teilgenommen haben", betonte auch Regierungschef Jerzy Buzek. Zugleich warnte er davor, das Pogrom zur Verallgemeinerung und falschen Thesen über die Mitverantwortung von Polen am Holocaust heranzuziehen. Für Entschuldigungen sei es viel zu früh, solange nicht die Ermittlungen abgeschlossen seien, zürnten dagegen Veteranenverbände. "Wir haben uns bereits entschuldigt, aber die Juden haben sich noch nicht bei uns entschuldigt", sagte Ex-Präsident Lech Walesa in einem Interview und setzte das Pogrom in Verbindung mit jüdischen Spitzeln des sowjetischen Sicherheitsdienstes - Ostpolen war bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion von Stalins Truppen besetzt gewesen. In Jedwabne bildete sich unterdessen ein Komitee zur Verteidigung des guten Namens von Jedwabne. Stanislaw Stefanek, der Bischof von Lomza, in dessen Diözese Jedwabne liegt, eilte zur Sonntagsmesse in die Kirche des kleinen Ortes und rief die Gläubigen auf, ihr Gewissen zu erforschen. Gleichzeitig leistete er ihnen moralische Unterstützung: "Wir sind Zeugen einer noch nicht da gewesenen Attacke auf Jedwabne", sagte Stefanek, der von einer Kampagne gegen die Kleinstadt sprach. Der Primas der römisch- katholischen Kirche, Kardinal Jozef Glemp, sprach sich für ein gemeinsames Gebet von Juden und Christen aus, um der Opfer des Pogroms zu gedenken - wenn auch nicht unbedingt in Jedwabne. Die katholische Kirche bleibt in Gross Buch nicht ungeschoren - unter Hinweis auf Augenzeugen berichtete der Wissenschaftler, die jüdische Bevölkerung hätte noch kurz vor dem Pogrom vergeblich beim Bischof und beim Ortspfarrer Schutz gesucht. Obwohl sich die Fronten verhärten zwischen denen, die vollständige Aufklärung und Entschuldigung fordern und denjenigen, die eine polnische Täterschaft schlicht leugnen, hofft der Warschauer Rabbiner Michael Schudrich, das Gedenken an Jedwabne könne zu einem Symbol der Versöhnung werden: "Das sollte keine Gelegenheit zur Abrechnung und Anklage sein, sondern zum Gebet, zur Verbundenheit in Trauer." Dass es für viele in Polen nicht leicht sein werde, sich den dunklen Seiten der Vergangenheit zu stellen, betonte auch der israelische Botschafter Shewach Weiss, der selbst aus Polen stammt und ehemaliger Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem ist: "Es braucht Mut, sich selbst zu überprüfen und in den Spiegel zu blicken." (dpa)